Während man schon seit Jahrzehnten gewohnt ist, die Reichweite von Sendungen im klassischen Fernsehen um kurz nach 8 Uhr am Morgen danach aus den offiziellen TV-Quoten ablesen zu können, tut sich die AGF bei der schnellen Abbildung der plattformübergreifenden Nutzung schon schwerer. Zwar wird natürlich auch die Streaming-Nutzung längst gemessen, offizielle Zahlen gibt es bislang aber nur mit deutlichem Zeitversatz. Das ändert sich mit der Einführung von Census+ - zumindest für die Sender, die direkten Zugriff darauf haben.
Dank Census+ liegen nun auch fürs Streaming bereits am Tag danach Abrufzahlen vor - angesichts der unbestreitbaren Tatsache, dass ein immer geringerer Anteil der Gesamt-Nutzung aufs lineare TV entfällt, ist es ein von den Sendern seit langem herbeigesehnter Schritt. Schließlich kommt man angesichts sinkender linearer Reichweiten langsam in Erklärungsnot und verweist zurecht darauf, dass die klassische TV-Quote eben einen kleiner werdenden Teil der gesamten Nutzung abbildet. Mit schnell vorliegenden, unabhängig gemessenen Streaming-Daten könnte man hier gut dagegen argumentieren.
Allerdings liegen diese Zahlen in dieser Geschwindigkeit erstmal nur denen vor, die wie erwähnt auch Zugriff auf Census+ haben - vor allem also den Sendern selbst. Öffentlich macht die AGF auch künftig einstweilen nur monatliche Top-25-Rankings. Diese Hitlisten liegen dann aber immerhin schon am 2. des Folgemonats vor. Dafür entfallen die vor rund vier Jahren eingeführten bisherigen monatlichen Streaming-Rankings, auf die man drei Wochen länger warten musste - die verglichen mit den neuen Hitlisten aber auch mehrere Vorteile boten.
Was sich im Vergleich zu den bisherigen Rankings ändert
Denn während man bislang bei den Online-Zahlen auf die Nettoreichweite setzte, geben die neuen Zahlen nun die Anzahl der "Views" oder Sendungsstarts wieder. Wenn ein Stream nun also von derselben Person mehrfach gestartet wird, dann werden auch mehrere Views gezählt - ähnlich wie man es beispielsweise auch von YouTube kennt. Bei der Nettoreichweite werden hingegen mehrere Videostarts von derselben Person nur ein Mal gezählt.
Hier wie da spielt die Dauer des Video-Abrufes - anders als bei der durchschnittlichen Sehbeteiligung, wie man sie von der klassischen TV-Quote kennt - keine Rolle. Daher sind auch die neuen Zahlen nicht vergleichbar mit der klassischen TV-Quote. Die Frage nach der crossmedialen Reichweite lässt sich also mit den Werten aus Census+ nicht beantworten. Nettoreichweiten werden natürlich auch weiterhin berechnet, sie sind künftig aber öffentlich weniger einsehbar als bislang.
Seit etwa einem Jahr gibt es bekanntlich auch die Auswertung nach Programmmarken, die auf Nettoreichweiten basiert - hier allerdings nicht auf Basis einzelner Sendungen, sondern schwer überblickbarer Programmmarken, in die auch kleine Sendungsschnipsel oder Ableger eingehen können. Da sich von außen nicht nachvollziehen lässt, welche Bestandteile eine Programmmarke genau umfasst, sind auch sie von begrenzter Aussagekraft.
Doch zurück zu Census+: Die Zahlen bleiben damit hinter dem zurück, was Netflix bei seinen (allerdings nicht unabhängig gemessenen) wöchentlichen Top-10-Listen ausweist. Denn Netflix bezieht die Länge von Filmen und Serien mit ein - und wenn Netflix von seinen "Views" spricht, dann meint das etwas anderes als das, was man bei Census+ unter Views versteht. Bei Netflix werden nämlich die gemessenen Nutzungsstunden durch die Dauer der Filme oder Serien geteilt - womit man sich schon stärker der durchschnittlichen Sehbeteiligung annähert.
Bezugspunkt TV entfällt: Auch Streaming-Only-Sendungen nun dabei
Und es gibt noch eine weitere erhebliche Änderung im Vergleich zu den bisherigen Streaming-Hitlisten: Die neuen Census+-Zahlen haben als Bezugspunkt nicht mehr die klassische TV-Ausstrahlung. Bislang wurden Sendungen, die nur im Streaming zu sehen waren, gar nicht im monatlichen AGF-Ranking berücksichtigt. Das ist nun anders, was vor allem RTL mit seinen enorm starken Reality-Formaten, die rein bei RTL+ laufen, zugute kommt.
Bislang war es allerdings auch so, dass bei jeder Sendung die Online-Abrufe in einem gleich langen Zeitraum berücksichtigt wurden - nämlich zwei Wochen vor und nach der TV-Ausstrahlung. Entscheidend war wie erwähnt der Zeitpunkt der TV-Ausstrahlung - lag der Ende des Monats, gingen auch die Abrufe in den ersten Tagen des Folgemonats mit ein. Im neuen monatlichen Ranking werden nun hingegen tatsächlich nur die Views gezählt, die im jeweiligen Monat anfielen. Wie bei jeder solchen auf einen bestimmten Zeitraum beschränkten Betrachtung benachteiligt das die Sendungen, die gegen Monatsende starteten, weil dann nur wenige Tage oder im Extremfall nur wenige Stunden berücksichtigt werden - die weitere Nutzung taucht dann erst im Folgemonat auf.
View-Zählung bevorteilt Livesport
Blickt man nun auf die ersten Zahlen aus dem März, dann fällt die starke Dominanz von Sport-Übertragungen auf, gleich fünf der ersten zehn Plätze werden von Fußball-Übertragungen belegt. Ganz vorne rangiert dabei die Champions-League-Partie zwischen dem FC Bayern und Bayer Leverkusen, mit der DAZN rund 2,19 Millionen Views generiert hat. Das Spiel zwischen Lille und dem BVB kam mit 1,62 Millionen Views auf Platz 2.
Nun dürften gerade Live-Übertragungen wie etwa vom Fußball überproportional davon profitieren, dass jeder Start des Streams einzeln gemessen wird. Wer etwa während der Halbzeitpause mal woanders hinschaltet oder gar mehrfach zwischen parallel laufenden Spielen wechselt, generiert auch mehrere Views. Das dürfte hier deutlich stärker ausgeprägt sein als bei anderen Sendungen. Das sollte man also beim Blick auf die fraglos beachtlichen DAZN-Zahlen im Hinterkopf behalten.
Kurzer Hinweis noch: Mit anderen internationalen Streaming-Anbietern wie Netflix und Prime Video verhandelt die AGF seit einigen Monaten wieder über eine Teilnahme, noch lassen sie sich aber nicht von der AGF messen und tauchen hier dementsprechend nicht auf.
Streaming-Hitliste aller von der AGF gemessenen Anbieter im März
Sendung | Anbieter | Views |
Champions League: FC Bayern - Bayer Leverkusen | DAZN | 2,19 Mio. |
Champions League: Lille - Borussia Dortmund | DAZN | 1,62 Mio. |
Das Sommerhaus der Normalos (2) | RTL | 1,51 Mio. |
Champions League: Atletico Madrid - Real Madrid | DAZN | 1,40 Mio |
Das Sommerhaus der Normalos (1) | RTL | 1,36 Mio. |
Promis unter Palmen - Für Geld mache ich alles (4) | Joyn | 1,23 Mio. |
Frühling - Mein Geheimnis, dein Geheimnis | ZDF | 1,22 Mio. |
Sportschau - Italien vs Deutschland | ARD | 1,21 Mio. |
Germany's Next Topmodel (7) | Joyn | 1,16 Mio. |
Bundesliga: VfB Stuttgart - Bayer Leverkusen | DAZN | 1,16 Mio. |
Bundesliga: Borussia Dortmund - Mainz 05 | DAZN | 1,14 Mio. |
Das Sommerhaus der Normalos (4) | RTL | 1,13 Mio. |
Promis unter Palmen (5) | Joyn | 1,12 Mio. |
Big Brother 24/7 Livestream | Joyn | 1,06 Mio. |
#CoupleChallenge (2) | RTL | 1,05 Mio. |
heute-show (21.3.) | ZDF | 1,04 Mio. |
Are You The One? (10) | RTL | 1,02 Mio. |
heute-show (14.3.) | ZDF | 1,02 Mio. |
Das Sommerhaus der Normalos (5) | RTL | 1,00 Mio. |
Das Sommerhaus der Normalos (1) | RTL | 1,00 Mio. |
Make Love, Fake Love (10) | RTL | 0,98 Mio. |
Are You The One? (9) | RTL | 0,97 Mio. |
Der Bergdoktor - Herzschmerzen | ZDF | 0,97 Mio. |
heute-show (7.3.) | ZDF | 0,97 Mio. |
Tatort - Borowski und das Haupt der Medusa | ARD | 0,97 Mio. |
Quelle: AGF, AGF CENSUS+ 1.5, Auswertungstyp: Streaming Videos, Zensusdaten aus technischer Messung, Angebote unter AGF-Messung, bis 31.03.2025
Noch etwas ist wichtig zum Verständnis: 24/7-Livestreams der Sender werden in den Streaming-Zahlen nicht berücksichtigt - diese Nutzung taucht stattdessen in den endgültig gewichteten Quoten der klassischen TV-Nutzung auf. Umgehen lässt sich das, indem man solche Fußball-Spiele als Event-Stream anlegt - so wie es die ARD gemacht hat, die das Spiel zwischen Italien und Deutschland auch auf sportschau.de gestreamt hat und mit diesem Event-Stream 1,21 Millionen Menschen erreichte. RTL ließ das Rückspiel zwischen Deutschland und Italien hingegen nicht auf diesem Weg ausweisen, hier ging die Livestream-Nutzung stattdessen in die TV-Reichweite ein - was durch die so dort zusätzlich auftauchenden Kontakte wiederum für die Werbevermarktung vorteilhaft war.
Reality bleibt das Genre der Stunde
Sieht man vom Sport ab, dann fällt auf, dass Reality weiterhin das Genre der Stunde bleibt - und weil nun auch Streaming-Only-Produktionen im AGF-Ranking abgebildet werden, fällt das nun auch stärker auf als bislang. Mehr als die Hälfte der Plätze in den Top 25 gingen im März an Reality-Formate, wobei "Das Sommerhaus der Normalos" mit bis zu 1,51 Millionen Views bei der zweiten Folge der Staffel ganz vorne lag. Auch die "#CoupleChallenge" von RTLzwei, "Make Love, Fake Love" und "Are You The One?" schaffen es hier ins Ranking. Dass die Formate online gefragt sind, ließ sich aber auch schon an den wöchentlichen Programmmarken-Rankings ablesen.
Bei Joyn punkten unterdessen zwei Formate, die auch im TV laufen. "Promis unter Palmen" läuft im klassischen Fernsehen allerdings nur mau, bei Joyn mit bis zu 1,23 Millionen Views aber sehr gut. "Germany's Next Topmodel" war mit dem großen Umstyling am erfolgreichsten und sammelte damit 1,16 Millionen Views ein. Bis auf Platz 8 schafft es im Ranking der 24/7-Livestream von "Big Brother" - allerdings beziehen sich die 1,16 Millionen Starts hier ja auf den ganzen Monat. Da der Stream durchgehend läuft, wird die Nettoreichweite hier nur einen kleinen Bruchteil betragen.
Die Öffentlich-Rechtlichen wirken im neuen Ranking nun weniger dominant als bei den Streaming-Hitlisten zuletzt. Meistabgerufene ZDF-Sendung war eine Folge der Sonntags-Reihe "Frühling", die 1,22 Millionen Views einsammelte, auch mehrere "heute-show"-Folgen und der "Bergdoktor" bewegten sich noch bei um eine Million Views. Die ARD brachte abgesehen von der Fußball-Übertragung sonst nur den Borowski-"Tatort" in die anbieterübergreifende Top 25.
Census+: Nur mit mehr Transparenz ein Schritt nach vorn
Es zeigt sich also: Die neuen Census+-Daten sind nur mit einem etwas länglichen Beipackzettel wirklich zu verstehen, auf den obendrein auch noch gehört, dass Abrufe etwa auf YouTube oder via Social Media keine Rolle spielen, sondern nur die sendereigenen Plattformen berücksichtigt werden.
Der große Vorteil ist, dass die Zahlen ohne großen Zeitversatz schon am Morgen danach vorliegen. Diesen Vorteil nutzt man in der öffentlichen Berichterstattung aber nicht aus, wenn man weiterhin nur monatliche Rankings preisgibt, die im Vergleich zu den bisherigen Zahlen durch den Wechsel von Netto- zu Bruttoreichweite auch noch weitere Nachteile mit sich bringen.
Klar: Je stärker der Anteil der On-Demand-Nutzung wird, desto weniger aussagekräftig sind die Zahlen am ersten Morgen danach, selbst wenn man die Streams mit einrechnen würde. Die Streaming-Reichweite baut sich je nach Art der Sendung über mehrere Tage auf. Auch das ließe sich mit Census+ beobachten - aber eben nur, wenn es Zugriff auf die Zahlen gäbe. Bleibt zu hoffen, dass die AGF hier in naher Zukunft offener wird. In der jetzigen Form sind die Monatsrankings nur ein kleiner Fort- und Rückschritt zugleich.