Es gab kaum ein Branchentreffen, auf dem Regina Ziegler nicht anzutreffen war. Wer ihr begegnete, konnte sicher sein, dass sie nicht nur gekommen war, um Hände zu schütteln und alte Bekannte zu begrüßen. Sie wollte wissen, was die Branche bewegt, welche Projekte entstehen und was es Neues gibt. Noch im Oktober war sie bei der MIPCOM in Cannes, das iPad – ihr ständiger Begleiter – stets griffbereit, die Geschäfte ihrer Produktionsfirma weiterhin selbst im Blick. Kein Zweifel: Regina Ziegler war eine Grande Dame des deutschen Films. Aber eben eine, die sich nie damit zufriedengab, auf ihr Lebenswerk zurückzublicken. Sie wollte weiter mitmischen, gestalten und produzieren. Nun ist Regina Ziegler gestorben.

Wer über Regina Ziegler spricht, spricht über mehr als fünf Jahrzehnte deutscher Film- und Fernsehgeschichte. Hunderte Produktionen sind in dieser Zeit entstanden, darunter anspruchsvolles Autorenkino, große Fernsehfilme und erfolgreiche Serien in ganz unterschiedlichen Facetten. Mit "Weissensee" produzierte sie eine der herausragenden deutschen Fernsehserien der vergangenen Jahre. Die ARD-Produktion über zwei Familien im geteilten Berlin wurde zwischen 2010 und 2018 in vier Staffeln erzählt und prägte das deutsche Fernsehen. Auch "Gladbeck" und das Udo-Jürgens-Biopic "Der Mann mit dem Fagott" gehören ebenso zu ihre Werk wie die Verfilmungen von Sebastian Fitzeks Romanen, die zuletzt bei Prime Video erschienen.

"Produzenten waren damals Männer, basta."

Dabei begann alles ausgesprochen bescheiden. 1973 gründete Regina Ziegler ihre eigene Produktionsfirma – mit gerade einmal 60 Mark Stammkapital. Sie war 29 Jahre alt und hatte zuvor als Produktions- und Redaktionsassistentin beim Sender Freies Berlin gearbeitet. In einer Branche, in der Produzenten damals Männer waren, wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit. "Produzenten waren damals Männer, basta", erinnerte sie sich einmal. Die Bezeichnung "Produzentin" gab es praktisch noch nicht. Dass sie sich davon nicht aufhalten ließ, wurde zum Ausgangspunkt einer außergewöhnlichen Karriere.

Wie schwer die Anfänge waren, machte Ziegler 2003 deutlich. Als sie das 30-jährige Bestehen ihrer Firma feierte, ließ sie neben einem aufwendigen Menü auch Erbsensuppe servieren. Eine Erinnerung an jene Zeit, in der sie mit 10.000 Mark Schulden bei Aschinger am Berliner Zoo für 50 Pfennig am Eintopf aus Hülsenfrüchten satt wurde. Aus diesem Anfang entstand ein unabhängiges Produktionsunternehmen, das sich über Jahrzehnte gegen die Konzentration im Markt behauptete. Seit dem Jahr 2000 führte sie die Firma gemeinsam mit ihrer Tochter Tanja Ziegler.

Regina Ziegler und Wolf Gremm © Jim Rakete Regina Ziegler und Wolf Gremm, fotografiert von Jim Rakete
Zu ihrer Lebensgeschichte gehörte auch Wolf Gremm, der Regisseur, mit dem sie nicht nur 44 Jahre ihres Lebens teilte, sondern der auch am Anfang ihrer außergewöhnlichen Karriere stand. Er, den sie beim SFB kennengelernt hatte, war es, der sie dazu ermutigte, eine eigene Produktionsfirma zu gründen. "Ich dachte, ich wäre tot" wurde schließlich die erste Produktion der frisch gegründeten Regina Ziegler Filmproduktion und zugleich Gremms Kinodebüt. 1977 heirateten die beiden. Als Gremm im Juli 2015 nach einer Krebserkrankung starb, verlor Ziegler nicht nur ihren Lebenspartner, sondern auch einen wichtigen Wegbegleiter.  

Ihre Filmografie erzählt auch von einer bemerkenswerten Unerschrockenheit gegenüber Genres und Stoffen. Sie arbeitete mit Regisseuren wie Andrzej Wajda und Rainer Werner Fassbinder, produzierte anspruchsvolles Autorenkino ebenso wie populäre Fernsehunterhaltung und hatte auch vor leichteren oder erotischen Stoffen keine Berührungsängste. Die in Deutschland verbreitete Trennung zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit, zwischen U und E, sei ihr wesensfremd gewesen, beschrieb sie einmal. Was sie anpackte, sollte Qualität haben, und zwar bis ins kleinste Detail. Für den ARD-Zweiteiler "Gladbeck" ließ ihr Team sogar Balkone im Hintergrund der überfallenen Bank originalgetreu herrichten. Es war diese Mischung aus Leidenschaft für Geschichten und einem fast kompromisslosen Blick für die Umsetzung, die ihre Arbeit auszeichnete.

Dass sie dabei nicht nur eine kreative, sondern auch eine ausgesprochen unternehmerische Produzentin war, zeigte sich besonders in schwierigen Zeiten. Ihr Herzensprojekt "Henri 4", eine 19-Millionen-Euro-Produktion aus dem Jahr 2010, wurde zum wirtschaftlichen Desaster. Der Film fand kaum Publikum, die Produktionsfirma geriet in eine Schieflage. Ziegler musste ihre Lebensversicherung auflösen und zeitweise auf ihr Gehalt als Geschäftsführerin verzichten. Ans Aufhören dachte sie dennoch nicht. Sie habe sich wieder berappelt, erzählte sie 2023 in der DWDL-"Nahaufnahme". "Henri 4" sei ein Film, den sie in ihrer Biografie nicht missen wolle. Auch das gehörte zu Regina Ziegler: Sie stand zu ihren Entscheidungen, zu ihren Filmen und zu den Risiken, die sie einging.

Ein Produzent müsse "Trüffelschwein und Finanzjongleur" sein, beschrieb sie ihren Beruf. Man müsse einerseits die besten Stoffe aufspüren, andererseits immer auch die Kosten im Blick behalten. Diese Verbindung aus Kreativität und kaufmännischem Denken beherrschte sie wie wenige andere. Die Unabhängigkeit ihrer Firma war ihr wichtig, auch wenn es immer wieder Angebote gab, unter das Dach einer größeren Medienholding zu schlüpfen. Sie prüfte sie, blieb aber doch Einzelkämpferin.

"Gott sei Dank bin ich nicht die einzige Produzentin geblieben"

Zu ihrem Vermächtnis gehört deshalb nicht nur eine beeindruckende Filmografie, sondern auch ihre Rolle als Wegbereiterin für Frauen in der Filmwirtschaft. Ziegler musste sich in einer Zeit durchsetzen, in der weibliche Produzenten eine Ausnahme waren. In ihren 2017 erschienenen Memoiren "Geht nicht, gibt’s nicht" beschrieb sie, wie groß ihr Ego habe sein müssen, um sich in dieser Männerwelt zu behaupten. Und noch vor wenigen Jahren sagte sie mit Blick auf die Entwicklung der Branche: "Gott sei Dank bin ich nicht die einzige Produzentin geblieben." Zugleich machte sie deutlich, dass der Kampf noch nicht vorbei sei. Gewonnen sei erst dann, wenn niemand mehr zwischen Produzent und Produzentin unterscheide. Wer ihr in den vergangenen Jahren begegnete, bekam daher kaum den Eindruck, dass sie sich vor allem mit der Vergangenheit beschäftigte. Als DWDL.de mit ihr anlässlich des 50-jährigen Bestehens ihrer Produktionsfirma sprach, ging es nicht zuletzt um neue Projekte, die Herausforderungen der Branche und ihre Pläne. Ans Aufhören dachte sie nicht.  

Für ihr Lebenswerk wurde Regina Ziegler vielfach ausgezeichnet. Dazu gehörten der Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises, der Carl Laemmle Produzentenpreis und der Deutsche Gründerpreis. Das Museum of Modern Art in New York widmete ihr eine Retrospektive mit 20 ihrer Filme. Doch vielleicht erzählen diese Ehrungen weniger über sie als die vielen Begegnungen auf den Branchentreffen, bei denen sie bis zuletzt selbstverständlich dazugehört hat. 

Regina Ziegler wurde 82 Jahre alt.