Sandra Harzer-Kux wird nicht neue Intendantin des NDR. Der Rundfunkrat der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt hat der früheren G+J-Managerin und Territory-Chefin am Freitag im ersten und einzigen Wahlgang die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit der abgegebenen Stimmen verwehrt. Aus dem 58-köpfigen Gremium waren 50 Personen anwesend, Harzer-Kux benötigte also 34 Ja-Stimmen. Am Ende stimmten aber nur 30 Rundfunkrätinnen und Rundfunkräte für die erste Frau an der Spitze des NDR. Neben 14 Nein-Stimmen gab es auch 6 Enthaltungen, die wie Nein-Stimmen gewertet wurden.
Eigentlich war es vorgesehen, dass Harzer-Kux ihr Amt bereits zum 1. September antritt. Joachim Knuth ist eigentlich noch bis Anfang 2026 im Amt, seine Zeit an der NDR-Spitze wäre dementsprechend verkürzt worden. Nun sieht es aber so als, als müsste Knuth, der in wenigen Tagen 66 Jahre alt wird, doch länger als Intendant bleiben. "Herr Knuth, Sie müssen noch ein bisschen länger", sagte der Rundfunkratsvorsitzende Nico Fickinger am Freitag nach der Wahl.
Jetzt liegt der Ball wieder beim Verwaltungsrat, der ja auch bereits dafür zuständig war, einen Vorschlag für die Wahl des Intendanten an den Rundfunkrat zu machen. Nun kann das Gremium innerhalb eines Monats, einen weiteren Vorschlag machen - wobei Harzer-Kux raus ist. Die Betonung liegt hier auf "kann", es ist nämlich kein Muss. Der Verwaltungsrat kann das Verfahren auch in die Hände des Rundfunkrats geben. Oder anders formuliert: Wie es beim NDR in Sachen Intendantensuche weitergeht, ist ein Stück weit unklar. Nico Fickinger erklärte bei einer Pressekonferenz im Anschluss an die Sitzung, der Verwaltungsrat werde sich mit diesen Fragen in den kommenden Tagen beschäftigen.
Fest steht schon jetzt: Der Verwaltungsrat wird eine Sondersitzung einberufen müssen, denn die nächste reguläre Sitzung ist erst für den 9. Mai angesetzt. Gut möglich, dass der Rundfunkrat dann auf seiner nächsten regulären Sitzung am 16. Mai erneut über einen Vorschlag in Sachen Intendanz abstimmen wird. Es dürfte spannend zu sehen sein, über welchen Namen dann abgestimmt wird. Auch wenn am Freitag keine Namen genannt wurden, ist bekannt worden, dass Sandra Harzer-Kux am Ende mit zwei männlichen Bewerbern im Rennen um den Posten an der NDR-Spitze stand. Ob davon nun einer nachrückt liegt in den Händen des Verwaltungsrats. Vereint ein Kandidat auch in den kommenden Monaten nicht die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit der Stimmen auf sich, würde in einem letzten Schritt auch die einfache Mehrheit der gesetzlichen Mitglieder des Rundfunkrats zur Wahl reichen - bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg.
"Frau Harzer-Kux hat die Findungskommission, den Verwaltungsrat und heute auch eine Mehrheit des Rundfunkrats als mögliche neue Intendantin überzeugt. Diese breite Zustimmung hat aber nicht ausgereicht, um die hohe Hürde, die der NDR-Staatsvertrag für dieses Spitzenamt ganz bewusst vorsieht, zu überspringen. Der Vorschlag, die Stelle mit einer führungserfahrenen Medienmanagerin von außen und erstmals auch mit einer Frau besetzen zu wollen, ist von vielen Rundfunkrats-Mitgliedern sehr positiv aufgenommen worden. Einigen Mitgliedern war es aber offenbar sehr wichtig, dass eine Person für dieses Amt zusätzlich auch eigene Erfahrung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mitbringt, um die Interessen des NDR innerhalb der ARD und gegenüber der Politik kraftvoll vertreten zu können", so Rundfunkratsvorsitzender Nico Fickinger.
Eine Wahl ohne Gegenkandidaten
Im Anschluss an die Wahl äußerten einige Rundfunkratsmitglieder Kritik am bestehenden Staatsvertrag und daran, dass man am heutigen Freitag keine echte Wahl gehabt habe, weil man sich nicht zwischen mehreren Personen habe entscheiden können. "Der Intendant oder die Intendantin und der Stellvertreter oder die Stellvertreterin werden vom Rundfunkrat auf Vorschlag des Verwaltungsrats für die Dauer von fünf Jahren gewählt", heißt es unter anderem im Staatsvertrag.
Der Verwaltungsrat des NDR legt die gesetzliche Grundlage aktuell so aus, dass man dem Rundfunkrat nur eine Person zur Wahl vorschlagen darf. Am Freitag kamen im Rundfunkrat aber bereits Stimmen auf, die erklärten, man müsse darüber nachdenken, ob man die Passage nicht auch anders interpretieren könne. Nämlich: Ein Vorschlag, aber mit mehreren Personen. Der Rundfunkratsvorsitzende erklärte bei der Pressekonferenz im Anschluss an die Wahl, dass definitiv nur eine Person durch den Verwaltungsrat vorgeschlagen werden dürfe. Diesen Part im Staatsvertrag kann nur der Gesetzgeber ändern, mit einer schnellen Anpassung ist aber nicht zu rechnen.
Souveräner Auftritt von Harzer-Kux
Dass der Verwaltungsrat dem Rundfunkrat mit Sandra Harzer-Kux eine externe Kandidatin zur Wahl vorgeschlagen hatte, war überraschend und ist in der Welt der ARD eine absolute Ausnahme. Harzer-Kux wusste das und sprach diese Tatsache in ihrem über weite Strecken hinweg souveränen Auftritt direkt an. Sie sprach von ihrem Jura-Studium (Staatsexamen in Law, Copyright and Media Law) und und ihrem ersten Job als Produktionsassistentin bei der Produktionsfirma Polyphon, wo sie Jan Fedder immer ans Set von "Neues aus Büttenwarder" kutschieren musste (und zurück). Darüber hinaus betonte sie, später mit ihrer eigenen Produktionsfirma ausschließlich für öffentlich-rechtliche Sender gearbeitet zu haben.
Nach ihrer Motivation für den Job als NDR-Intendantin gefragt wurde Sandra Harzer-Kux grundsätzlich. Die Zeit bei Bertelsmann (u.a. Gruner + Jahr, Territory) sei gut gewesen, das Unternehmen sei aber immer auf Gewinnmaximierung aus. "Ich habe mir zunehmend die Frage gestellt, ob es das ist, was ich langfristig als Wertbeitrag leisten will. Bei allem, was da draußen los ist", erklärte sie. Harzer-Kux verwies in dem Zusammenhang auf den "weltpolitischen Wahnsinn", also Wirtschafts- und Klimakrise, Kriege, demokratiefeindliche Strömungen und gezielt gestreute Desinformationen. Gleichzeitig unterstrich sie die Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
Bei ihren genauen Plänen für die Zukunft blieb Harzer-Kux naturgemäß eher vage und verwies ein ums andere Mal darauf, sich erst umfassend einarbeiten zu wollen. Mehrmals sprach sie jedoch davon, dass man junge Zielgruppen in Zukunft besser erreichen müsse als heute. Da müsse man die Frage stellen, ob man nicht mehr originäre Formate dafür bräuchte und wer diese Sendungen präsentieren könne.
Probleme hatte die Wunschkandidatin des Verwaltungsrats in der Fragerunde. Als sie von einer Rundfunkrätin auf konkrete NDR-Formate angesprochen wurde, die sie gut finde oder für innovativ halte, antwortete Harzer-Kux - auch auf Nachfrage - nur ausweichend. Sie nutze das Programm breit, so die Managerin, die sich selbst "Schwachstellen" in den Bereichen Sport und Krimi attestierte. Auch Fragen zur künftigen Bedeutung der Landesfunkhäuser und der Klangkörper wollte Harzer-Kux nicht beantworten. Auch das dürfte zum Unmut einiger Mitglieder des Rundfunkrats beigetragen haben.
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