Bekommt der NDR eine neue Intendantin ohne Vorerfahrung im öffentlich-rechtlichen System? Diese Frage wird sich heute entscheiden: Ab 11:45 Uhr kommt der NDR-Rundfunkrat zusammen und nach einem kurzen nicht-öffentlichen Teil der Sitzung steht im öffentlichen Teil unter Tagesordnungspunkt 6 dann die Wahl der neuen Intendantin auf dem Programm - beginnend mit einer Vorstellung von Sandra Harzer-Kux, die am heutigen Tag als Einzige zur Wahl steht.

Sandra Harzer-Kux war lange Jahre im Bertelsmann-Konzern tätig. 2007 war sie als Leiterin des Audio- und Bewegtbildbereichs zu Gruner + Jahr gekommen, später wechselte in den Bereich des Corporate Publishings. Ab 2013 war sie Geschäftsführerin von G+J Corporate Editors, 2016 trat sie in die Geschäftsführung der Bertelsmann-Tochter Territory ein, der Kommunikationsagentur für Markeninhalte. 2020 wurde sie Sprecherin der Geschäftsführung, ehe sie Ende letzten Jahres ihren Abschied verkündete. Vor ihrer Zeit bei Bertelsmann hatte Harzer-Kux ihre eigene Filmproduktionsfirma gegründet.

Dass mit Sandra Harzer-Kux nun also jemand von außerhalb des öffentlich-rechtlichen Systems die Nachfolge von Joachim Knuth antreten soll, kam auch für viele Beobachter ziemlich überraschend und ist in der ARD-Welt ein bemerkenswerter Ausnahme-Fall. Womit genau sie den Verwaltungsrat, der Harzer-Kux zur Wahl vorgeschlagen hat, überzeugen konnte und warum sie sich gegen andere Bewerberinnen und Bewerber durchsetzte, ist bislang aber unklar, weil das Auswahlverfahren bemerkenswert intransparent ist.

"Der Intendant oder die Intendantin und der Stellvertreter oder die Stellvertreterin werden vom Rundfunkrat auf Vorschlag des Verwaltungsrats für die Dauer von fünf Jahren gewählt." So steht es im NDR-Staatsvertrag und daraus leitet der nur aus zwölf Personen bestehende NDR-Verwaltungsrat das Recht ab, dem deutlich größeren Rundfunkrat auch nur einen einzigen Kandidaten bzw. in diesem Fall eine einzige Kandidatin vorzuschlagen. Ein Wettstreit der Ideen, wie man ihn bei anderen ARD-Anstalten oder auch im ZDF zuletzt beobachten konnte, findet hier also nur intransparent hinter verschlossenen Türen statt. Dass nun Sandra Harzer-Kux auf dem Wahlzettel steht, geht also auf die Entscheidung einer Findungskommission zurück, die dann vom Verwaltungsrat abgesegnet wurde.

Aus Äußerungen der stellvertretenden NDR-Verwaltungsratsvorsitzenden geht zumindest hervor, was das Gremium an Harzer-Kux schätzt. Sie könne als "die notwendigen Veränderungen und Weiterentwicklungen des NDR in einem schwieriger werdenden Umfeld beteiligungsorientiert um- und durchsetzen", nachdem sie in ihrer bisherigen Laufbahn schon gezeigt habe, dass sie "einen langen Atem bei der Umsetzung von Veränderungen" habe und "sich schnell in komplexe Themen einarbeiten" könne. Dass sie bislang nicht für die ARD tätig war, hebt man dabei besonders hervor: "Mit ihrem unverstellten, aber gleichzeitig wertebasierten Blick von außen kann sie dem NDR und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk neue Impulse geben, Chancen entdecken und neu denken."

Doch auch wenn Sandra Harzer-Kux ohne Gegenkandidaten antritt, ist ihre Wahl noch keineswegs ausgemacht. Denn im 58-köpfigen NDR-Rundfunkrat reicht nicht die einfache Mehrheit der Stimmen, stattdessen ist mindestens eine Zwei-Drittel-Mehrheit erforderlich. Man darf also gespannt sein, wie sich Sandra Harzer-Kux heute präsentieren wird - immerhin dieser Teil ist ja nun öffentlich. DWDL.de wird diese Vorstellung natürlich begleiten und berichten. Bekäme Sandra Harzer-Kux die Zwei-Drittel-Mehrheit nicht, dann kann der Verwaltungsrat innerhalb eines Monats einen weiteren Vorschlag machen.