Als Amazon-Chef Jeff Bezos im Vorfeld der letzten Präsidentschaftswahl der "Washington Post", die er 2013 gekauft hatte, untersagte, wie in den USA üblich erneut eine Wahlempfehlung abzugeben, war die Aufregung groß. Bei den vorausgegangenen Wahlen hatte das Blatt auf seinen Meinungsseiten jeweils eine Empfehlung für die Demokraten ausgesprochen, eine Empfehlung für Harris wollte Bezos offenbar unbedingt verhindern und griff damit in die redaktionelle Unabhängigkeit ein. Nun zeigt sich, dass das nur der Anfang war.

In einem Schreiben an die Redaktion, das Bezos selbst öffentlich geteilt hat, informierte er über von ihm verordnete "Änderungen auf unseren Meinungsseiten". Bezos: "Wir werden jeden Tag über die Unterstützung und Verteidigung von zwei Säulen schreiben: persönliche Freiheiten und freie Märkte." Zwar dürfe man auch über andere Themen schreiben, doch Standpunkte, die gegen diese beiden "Säulen" gerichtet seien, dürfen nicht mehr veröffentlicht werden. Oder wie Bezos es generös umschreibt: Man werde deren Veröffentlichung anderen überlassen.

Bezos begründet das so: "Es gab eine Zeit, in der eine Zeitung, vor allem wenn es sich um ein lokales Monopol handelte, es als einen Service ansah, den Lesern jeden Morgen einen breit gefächerten Meinungsteil vor die Haustür zu legen, der alle Ansichten abdecken sollte. Heute erledigt das Internet diese Aufgabe." Weiter heißt es, dass er "aus Amerika und für Amerika" sei und ein Großteil des amerikanischen Erfolgs auf der Freiheit "der Wirtschaft und überall sonst" beruhe.

Die redaktionelle Freiheit meint er damit augenscheinlich nicht. David Shipley, der bislang den Meinungs-Bereich der "Washington Post" geleitet hatte, habe er den Posten weiterhin angeboten - allerdings nur, wenn dieser die Änderung mit einem "hell yes" begrüße. Shipley selbst teilte in einem Schreiben mit, dass er überlegt habe, "wie ich in dem Beruf, den ich liebe, am besten weitermachen kann" - und dann zurückgetreten sei.