Der WDR hat sich mit den Gewerkschaften DJV und verdi auf die Eckpunkte eines neuen Honorarrahmens für freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geeinigt, das haben die jeweiligen Verhandlungsführer nach DWDL.de-Informationen am Dienstag intern bekanntgegeben. Die Verhandlungen zogen sich bereits seit Monaten und blockierten auch die Vergütungstarifverhandlungen: Weil bei den Freien im WDR ein jahrzehntealter Honorarrahmen nach wie vor Bestand hatte, sah man beim Sender akuten Handlungsbedarf - und wollte diesen zunächst anpassen (DWDL.de berichtete).
Nach vielen Verhandlungsrunden hat es nun einen Durchbruch gegeben. So haben sich die Gewerkschaften mit dem WDR unter anderem darauf geeinigt, dass der neue Honorarrahmen künftig nicht mehr nach Ausspielwegen unterscheidet, sondern danach, was der Inhalt der Tätigkeit ist. Gleichzeitig sollen künftig nicht mehr nur die Mindesthonorare angehoben werden, sondern vor allem die Effektivhonorare. Das war den Gewerkschaften besonders wichtig, hier hatte es in einigen Fällen nämlich seit vielen Jahren keine Erhöhungen mehr gegeben.
Außerdem sollen die Unterschiede zwischen einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die für unterschiedliche Ausspielwege arbeiten, geringer werden. "Die Onlinehonorare werden teilweise drastisch erhöht", heißt es von den Verhandlern auf Gewerkschaftsseite in einem internen Schreiben, das DWDL.de vorliegt. Vergleichsweise niedrige Honorare sollen demnach überproportional oder signifikant steigen. Der WDR teilt derweil intern mit, dass bei "einigen wenigen Honorarpositionen, vor allem im linearen Fernsehen, [...] die werksbezogenen Honorare leicht abgesenkt" werden. Insgesamt soll das Honorarvolumen gleich bleiben. "Wir sparen hier also nicht, sondern strukturieren unsere Honorar-Etats um."
Und auch bei einem weiteren Knackpunkt gab es eine Einigung. Sogenannte Zweitfassungen, die sich aus einer Recherche ergeben, sollen künftig nicht mehr als eigenständiges Werk zu 100 Prozent vergütet werden, stattdessen gibt es hier Abschläge. "Gibt es am selben Tag mehrere Beiträge zum selben Thema, so kann es dazu führen, dass nur noch 60 Prozent des Listenhonorars gezahlt wird", erklären die Gewerkschaftsverhandler ihren Mitgliedern.
Absicherung durch einen Bestandsschutz
Sowohl der WDR und die Gewerkschaften machen deutlich, dass die Einigung auch dazu führen wird, dass einzelne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter künftig deutlich weniger gut verdienen werden als bislang. Um diesen Effekt abzumildern, hat man sich auf einen Bestandsschutz geeinigt. Dadurch werden bis Ende 2028 mögliche Veränderungen weitestgehend abgefedert. Konkret werden Freie, die seit mindestens 2022 arbeitnehmerähnlich beschäftigt sind, bis Ende 2028 mit 92,5 Prozent ihres Vergleichseinkommens abgesichert. Voraussetzung ist, dass die Veränderungen ihres Einkommens aus dem neuen Honorarrahmen resultieren und Aufträge nicht abgelehnt werden. Hier ist der WDR den Gewerkschaften zuletzt noch etwas entgegengekommen, im Dezember bot man noch 85 Prozent Absicherung an.
"Wir wissen, dass die neuen Tarifverträge für einzelne Kolleginnen und Kollegen starke Veränderungen bedeuten und die bevorstehenden Aufgaben an unseren Kräften zehren werden", so die Gewerkschaftsverhandler. "Dennoch sind wir davon überzeugt, dass nach 50 Jahren im bisherigen Tarifgefüge eine Änderung notwendig ist." Nach Gewerkschaftsangaben wird sich durch die Einigung auch die regionale Berichterstattung stark verändern. Künftig sollen demnach bis zu 75 pauschalierte NRW-Reporter am Tag (Innen- und Außendienst) im Einsatz sein. Das wären im Vergleich zum Status Quo weit mehr als doppelt so viele. Der WDR nennt in seiner internen Kommunikation zwar keine Zahlen, bestätigt aber den neuen Tagesdienst, der den Freien Planbarkeit biete und es dem Sender erlaube, mehr Reporterinnen und Reporter vor Ort einzusetzen.
"Wir wissen, dass die neuen Tarifverträge für einzelne Kolleginnen und Kollegen starke Veränderungen bedeuten und die bevorstehenden Aufgaben an unseren Kräften zehren werden."
Gewerkschaftsverhandler in einem internen Schreiben
Die Pauschalierung in diesem Bereich sorgt voraussichtlich auch für eine Änderung bei den Kosten. So soll die Honorierung künftig differenziert nach den Anforderungen der Aufgaben in einer von fünf Stufen erfolgen, los geht’s mit 485 Euro für einen 8-Stunden-Tag. An einigen Stellen hatten sich zuletzt nach WDR-Angaben Tagesverdienste von 900 Euro aufwärts etabliert - die soll es künftig, wenn überhaupt, deutlich seltener geben. "Der WDR verspricht sich einen großen Schritt für mehr regionale Berichterstattung. Wir versprechen uns mehr Gerechtigkeit", heißt es von den Gewerkschaften.
Lob für Vernau, Schelte für Regionalfürsten
Neben einem Lob für die neue WDR-Intendantin Katrin Vernau, die es mit der Stärkung der Regionalität ernst meine, kritisieren Gewerkschaftsvertreter im Gespräch mit DWDL.de aber auch einige Führungspersonen in den WDR-Regionalstudios - dort sträubte man sich lange gegen Veränderungen, weil es eben oft hohe Honorare gab. "Wir können gut nachvollziehen, dass in den vergangenen Jahrzehnten kaum Vertrauen zu einigen, teilweise schon pensionierten, Vorgesetzten im Regionalen aufgebaut werden konnte", schreiben die Verhandler der Gewerkschaften an ihre Mitglieder. Es setze allerdings ein Generationswechsel ein, mit dem ein anderer Geist im WDR Einzug halte. Diesen müsse man einfangen, damit vieles "unkomplizierter, vertrauensvoller und schneller geht als bislang". Anders als in den Regionalstudios waren die im Raum stehenden, extrem hohen Honorare der Vergangenheit im Kölner Newsroom kein Thema, weil dort anders gearbeitet wird.
Ab wann genau das neue Modell greift, ist unterdessen noch nicht klar. Zunächst müssen die Tarifverhandlungen beendet werden und die Gremien der Gewerkschaften und des WDR dem neuen Tarifvertrag zustimmen. Anschließend muss der neue Honorarrahmen im Honorarsystem hinterlegt werden. Bei den Vergütungstarifverhandlungen, bei denen dann auch die Gewerkschaften Unisono und VRFF wieder mit am Tisch sitzen, könnte es aber nun schnell gehen, schon im Dezember standen die Zeichen hier auf Einigung, auch wenn diese letztlich ausblieb (DWDL.de berichtete). Wann auch immer das Gesamtpaket steht, an diesem Dienstag ist man einem endgültigen Abschluss einen großen Schritt näher gekommen. Wie sich die Einigung in der Realität auswirkt, muss sich freilich erst noch zeigen.
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