Anfang des Jahres hat die BBC eine strategische Partnerschaft mit YouTube angekündigt und seither ihre Präsenz dort deutlich ausgebaut und will künftig auch zunehmend Formate an den Start bringen, die sogar zuerst auf der Plattform zu sehen sind. Das wirft natürlich die Frage auf, inwiefern sich das auf die Formatentwicklung auswirkt. Kate Phillips, Chief Content Officer der BBC, machte am Dienstag auf der MIPCOM-Bühne in jedem Fall schonmal klar, dass sie sich auch künftig bei der Entwicklung neuer Foramte nicht von Algorithmen leiten lassen werde.

"Nur weil sich der Vertriebsweg verändert, heißt das nicht, dass sich unsere kreativen Ziele verändert haben", sagte Phillips. Statt auf Datenmodelle zu setzen, die den Erfolg von Inhalten vorhersagen sollen - was Marktforschung schon immer mit mäßigem Erfolg versucht, müsse man weiterhin vor allem ein Gefühl dafür entwickeln, was das Publikum sehen möchte. Und dann hoffen und Daumen drücken, dass man richtig gelegen hat.

Phillips hat dabei einen ganz eigenen Indikator, um die Wünsche des Publikums in der Zukunft vorauszusagen: Sie zählt die Baukräne in der Londoner Skyline. Als Programmverantwortliche müsse sie sich schließlich fragen, wie die wirtschaftliche Lage in ein oder zwei Jahren aussehen werde. "Wenn viele Kräne am Horizont zu sehen sind, geht es der Wirtschaft ziemlich gut", meint Phillips - und falls das stimmt, ist die deutsche Wirtschaft ja vielleicht doch noch nicht verloren.

Ihre These jedenfalls: Die wirtschaftliche Situation beeinflusse die Sehgewohnheiten der Menschen ganz entscheidend: In schwierigen Zeiten steige die Nachfrage nach Wohlfühlfernsehen, während in wirtschaftlichen Boomphasen seien auch härtere Unterhaltungsformate gefragt. Dass "Big Brother" oder "The Weakest Link" in Großbritannien erfolgreich etabliert worden seien, sei nicht von ungefähr in Boom-Jahren passiert. Ihr jetziger Kran-Index sagt jedenfalls: Vorsichtiger Optimismus.

Die Besonderheiten von YouTube

Trotzdem ist die Entwicklung von Formaten für YouTube natürlich anders gelagert als für andere Plattformen. Titel und Vorschaubilder müssten Aufmerksamkeit erzeugen, ohne dass deshalb die journalistischen und kreativen Ansprüche aufgegeben würden. Mit dem Dokumentationskanal "Deep Watch" habe man bereits rund 2,5 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten erreicht. Für das Angebot seien etwa 20 Dokumentationen bei unterschiedlichen Produktionsfirmen in Auftrag gegeben worden – neben etablierten Partnern auch bei jüngeren Digitalunternehmen und neuen Kreativen.

Die BBC wolle dabei weiterhin sicherstellen, dass ihre Inhalte als solche erkennbar seien. Gleichzeitig müsse man akzeptieren, dass ein Teil des Publikums die Angebote zunächst über YouTube entdecke. Phillips verwies auf den iPlayer, der im Vereinigten Königreich weiterhin eine zentrale Rolle spiele. YouTube solle jedoch zusätzliche Reichweite erschließen und neue Zugänge zum öffentlich-rechtlichen Angebot schaffen.

Auch für BBC Studios, die kommerzielle Tochtergesellschaft der BBC, ist die Plattformstrategie Teil einer größeren Frage: Wie lassen sich Inhalte zu Marken entwickeln, die über Jahre oder sogar Jahrzehnte Bestand haben? CEO und Chief Creative Officer Zai Bennett betonte, dass Ideen aus ganz unterschiedlichen Quellen kommen könnten – von klassischen Entwicklungsteams über Produktionspartner bis hin zu digitalen Kreativen. Eine fertige Marke entstehe daraus aber nicht automatisch. Erfolgreiche Konzepte müssten konsequent weiterentwickelt werden und benötigten Zeit und Aufmerksamkeit.

Als Beispiel für eine solche Weiterentwicklung nannte Bennett "Dancing with the Stars". Durch Aktivitäten auf TikTok und zusätzliche Inhalte rund um die Kandidatinnen und Kandidaten, könne man neue Zielgruppen erreichen - etwa indem Prominente ohne große eigene Reichweite mit bekannten Tanzpartnern zusammengebracht werden. Die US-Version habe zuletzt 73 Millionen Stimmabgaben bei einer Eliminierungsrunde verzeichnet. Auch für das britische "Strictly Come Dancing" beobachte man genau, welche Ansätze sich übertragen ließen.

Die Entwicklung einer Marke müsse zudem frühzeitig über das eigentliche Programm hinausgedacht werden, ergänzte Shelley Macintyre, CEO Brands & Licensing bei BBC Studios. Gerade bei Kinder- und Familienangeboten gehe es darum, mögliche weitere Geschäftsfelder wie Spiele, Kleidung oder Sammelprodukte bereits in der Entwicklungsphase mitzudenken. Zugleich sei es schwieriger geworden, den Erfolg einer Marke entlang einer klaren Abfolge von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt zu planen. Zuschauerinnen und Zuschauer stießen heute über unterschiedliche Plattformen und mit verschiedenen Interessen auf Inhalte.