Bushido dominiert mal wieder die Schlagzeilen. Nicht etwa weil er neue Musik herausgebracht hätte oder ein TV-Projekt macht. Nein, der Rapper will seine Karriere 2026 beenden. Dann soll es noch eine letzte Tour geben und im Anschluss daran hört Bushido auf. Bis es soweit ist, gehen sich aber mit Sicherheit noch einige Dokus bei RTL+ aus, oder, wie jetzt, auch neue Projekte bei anderen Diensten. 

Bei Freevee, Amazons kostenfreier Streamingplattform, ist ab sofort "Back on Track - Neuanfang mit Bushido" zu sehen. In dem von Constantin Entertainment produzierten Format steht der Rapper nicht selbst im Mittelpunkt, sondern junge Menschen, die Unterstützung von ihm erhalten. Schon die erste Folge zeigt aber die Schwächen der Sendung auf. 

Es geht um den 20-jährigen Iman, der als Baby in eine Pflegefamilie gekommen ist und als Teenager von seinem Musiklehrer vergewaltigt wurde. Er erzählt seine Geschichte sehr authentisch und doch würde man ihm wünschen, jemanden an seiner Seite sitzen zu haben, der dafür vielleicht geschult ist und nicht wie Bushido, qua Lebenserfahrung an den Job gekommen ist. Ein ums andere Mal zeigt Bushido ein Einfühlungsvermögen vom Typ Helena Fürst, nur um in der Situation, als Iman von der Vergewaltigung erzählt, letztlich doch die richtigen Worte findet. 

Es ist ein seltener Lichtblick in der Folge, denn sonst wirkt Bushido wie in ein Format gebeamt, für das er jetzt mal eben drei Tage lang mit einem jungen Menschen verbringen muss, nur um danach auf Nimmerwiedersehen abzudampfen. Der Rapper will mit dem Pflegevater von Iman reden und auch, dass der junge Mann bei diesem Gespräch dabei ist. Er wolle ihn nicht unter Druck setzen, betont Bushido mehrfach, nur um Iman dann mitzuteilen: Bitte entscheide dich bis morgen, denn dann fahre ich zu deinem Pflegevater. 

Julia Leischik macht's besser

Und während man dem Publikum an dieser Stelle noch vorgaukelt, dass es ganz wichtig sei, dass Iman seine Entscheidung selbst trifft und man ihn nicht überfordern wolle, macht man es einige Minuten später ganz anders. Am Ende der Folge nämlich, als Bushido seinen Schützling zur vermeintlichen Verabschiedung trifft und dann plötzlich der leibliche Vater vor seinem Sohn steht. In dieser Szene sind schließlich alle überfordert, allen voran der leibliche Papa, der wie ein Versicherungsvertreter da steht und zur Begrüßung nur einen Satz rausbringt: "Iman, ich bin dein Vater". Die Herzlichkeit, die einem Format wie "Julia Leischik sucht: Bitte melde dich" innewohnt, fehlt "Back on Track" an dieser Stelle völlig. 

Vater und Sohn umarmen sich, ein Streichquartett setzt ein. Und spätestens an dieser Stelle wird klar, dass Constantin Entertainment und Bushido nur auf möglichst emotionale Bilder aus sind, die sie so in jedem Fall produzieren. Off-Sprecher und Bildsprache unterstreichen das bedeutungsschwangere Getue. "Mach dir keine Gedanken mehr im Leben, ich bin da", sagt der Vater schließlich noch zu seinem Sohn, nachdem er ihn lange gar nicht beachtet hat, weil er sich Bushido erklärt hat. Der Rapper steht währenddessen im Hintergrund und staunt ob der vermeintlichen Herzlichkeit des Vaters, bemerkt aber nicht, wie problematisch solche Aussagen sind, wenn daraufhin keine Taten folgen.

"Back on Track - Neuanfang mit Bushido" hat aber auch seine starken Momente. Als Bushido und Iman beim Pflegevater auf dem Sofa sitzen, wird es sehr emotional, weil plötzlich alle Emotionen aus dem 20-Jährigen herausbrechen - und Bushido schweigend daneben sitzt. Für einen kurzen Moment wird es so authentisch, dass es weh tut. 

Ein schweres Schicksal...

Extrem problematisch ist aber die Tatsache, wie Constantin Entertainment und Bushido das Thema Pflegefamilien angehen. Nun ist es sicherlich so, dass der junge Protagonist der ersten Folge schlechte Erfahrungen mit seiner Pflegefamilie gemacht hat - er führt erschreckende Beispiele dafür an. Wie wichtig dieses Modell aber ist, um Kindern ein geregeltes Leben und Geborgenheit zu ermöglichen, wird mit keinem Wort erwähnt. Im Gegenteil: Bushido nennt es ein "schweres Schicksal", wenn ein Baby in eine Pflegefamilie kommt. Es ist eine Verallgemeinerung, die negative Narrative bedient und die dazu beiträgt, dass Pflegeeltern nach wie vor oft als Notlösung (oder noch schlimmer: als Problem) gesehen werden.

 

Constantin Entertainment hatte mit Sicherheit nur gute Absichten, nur sieht man das zumindest in der ersten Folge des neuen Formats viel zu selten. Zu oft drückt man bewusst auf die Tränendrüse, um die Geschichte danach gnadenlos voranzupeitschen. Es macht nicht den Eindruck, als würde man hier tatsächlich die Interessen des Haupt-Protagonisten in den Mittelpunkt stellen. Und auch dem gesamten Thema Pflege hätte man sich behutsamer nähern müssen, um nicht Stereotype zu bedienen. Insofern kann Bushido seine Karriere bei Amazon Freevee gerne schon etwas früher an den Nagel hängen.

Hinweis: Der Autor dieses Textes ist Pflegepapa. 

Die komplette Staffel von "Back on Track - Neuanfang mit Bushido" ist ab sofort bei Freevee verfügbar.