Kaum zu glauben, aber wahr: Noch nie hatte der Rundfunkrat der größten ARD-Anstalt am Tag der Wahl zur Intendanz eine Entscheidung öffentlich zwischen gleich vier Personen zu treffen. Bei Parteitagen wie Wahlen zu Intendanzen bei ARD wie ZDF galt bislang oft die schräge Maxime: Tritt nur eine/r an, sprechen alle von Wahl. Treten mindestens zwei an, wird es in der medialen Beurteilung zur "Kampfabstimmung"! Dabei kann ein offener Wettkampf der Ideen wahrlich nicht schaden. Wenn es auf den letzten Metern nicht noch Rückzüge gibt - was dem Verfahren nicht zu wünschen wäre -, erleben wir am Donnerstag eine so bislang einmalige Wahl um die neue WDR-Spitze.

Sechs Intendanten und eine Intendantin führten den WDR in Köln bislang, die ersten vier davon (Hanns Hartmann, Klaus von Bismarck, Friedrich-Wilhelm von Sell und auch Friedrich Nowottny) wurden vor der Novellierung des WDR-Gesetzes 1985 noch vom Verwaltungsrat des Senders gewählt und vom Rundfunkrat bestätigt. Die damals auch noch weitaus kleineren Gremien machten aus ihren parteipolitisch motivierten Entscheidungen keinen Hehl.

Die Wahl Nowottnys erfolgte 1985 dabei nur wenige Wochen vor jener Novellierung des WDR-Gesetzes, die die Besetzung und Aufgaben der Kontrollgremien des Senders neu definierte. Noch nach Parteipolitik bestimmt, war er der CDU-Kandidat, dem die SPD zwar ihre Zustimmung verweigerte, aber selbst keinen Kandidaten oder Kandidatin aufstellte. Mit der Novellierung des WDR-Gesetze wurde der politische Einfluss durch neue Repräsentanz gesellschaftlicher Gruppen im Rundfunkrat aufgeweicht.

Immer wieder Wahlen ohne Gegenkandidaten

Zu offeneren Wahlen führte das aber erstmal nicht. Statt in den immerhin für die Öffentlichkeit dokumentierten Sitzungen des Rundfunkrats fand der Wahlkampf im Vorfeld abseits statt. Wer sich warum wie entschied blieb somit Geheimnis der Hinterzimmer. Die Öffentlichkeit erfuhr nur: Wettbewerber haben sich zurückgezogen, in die eigentliche Wahl ging es erstmal weiter ohne Gegenkandidat bzw. -kandidatin. So war es 1995 bei der Wahl von Fritz Pleitgen und 2006 bei Monika Piel. 2013 bei Tom Buhrow waren neben ihm zwei Mitbewerber im Rennen. Öffentlich gewählt wurde noch nicht.

Abnicken oder Ablehnen - darin erschöpfte sich über Jahrzehnte die Wahl des WDR-Rundfunkrats. Einen öffentlichen und offenen Wahlkampf der Ideen für die Zukunft der größten ARD-Anstalt gab es bislang nie. Genau das macht den aktuellen Wahlkampf um die Nachfolge von Intendant Tom Buhrow so außergewöhnlich: Es gibt keine Blaupause dafür. 

Einen offenen Wahlkampf um ein solches öffentlich-(rechtliches) Amt? Wenn denn - in anderen Sendern ist durchaus schon mal passiert - überhaupt mehr als eine Person zur Wahl antrat, erschöpfte sich die Überzeugungsarbeit in der direkten Ansprache der Rundfunkräte. Direkte Gespräche, vertraulich. Kommunikation und Positionierung erfolgte mitunter strategisch über Dienste, deren Reichweite sich fast ausschließlich aus Rundfunkrat-Zirkeln speist. Man blieb unter sich. 

„Aus Respekt vor dem Verfahren“ war für die Presse und Öffentlichkeit bei den vergangenen Wahlen im Vorfeld selten zu erfahren, was Bewerber eigentlich für eine Vorstellung für das Amt haben, das sie anstreben. Zu heilig war die Sympathiepflege in den Rundfunkräten. Dort wollte man niemanden pikieren. Dabei hat uns die Schlesinger-Krise gezeigt, welche begrenzten Kompetenzen sich in diesen einerseits bewusst divers - und doch gar nicht so divers - besetzten Rundfunkräten versammeln.

Das ist keine Beleidigung. Es war im Rahmen der RBB-Affäre der eigene Hilferuf aus den Gremien, die in allen öffentlich-rechtlichen Anstalten als Kontrollorgan gelten, aber dafür durch ihre politisch gewollte Besetzung gar nicht unbedingt qualifiziert sind. Sie sollen schließlich vorrangig die Breite der Gesellschaft repräsentieren. Verständnis der Medien oder Fachkenntnis für Geschäftsberichte sind keine Voraussetzung. 

Wettkampf der Ideen muss transparent werden

Nun entscheidet der WDR-Rundfunkrat am Donnerstag über die Intendanz der größten ARD-Anstalt. Übersetzen wir es mal: Er entscheidet über die neue Geschäftsführung eines Konzerns mit einem jährlichen Budget von 1,5 Milliarden Euro und gleich vier Bewerber*innen sorgen erstmals in der Geschichte für einen - Stand jetzt - offenen Wettbewerb der Köpfe und Ideen. Man möchte jubeln, der Findungskommission gratulieren zur Entscheidung, den Kolleginnen und Kollegen im Rundfunkrat gleich vier Wahlmöglichkeiten zu geben.

Gleichzeitig braucht ein solches, endlich offenes Verfahren, mehr Transparenz. Entscheiden wird der Rundfunkrat, so soll es nun einmal sein. Aber es kann der Legitimation und Nachvollziehbarkeit nur helfen, wenn der Wahlkampf um eine öffentlich(-rechtliche) Aufgabe offen auch gegenüber jenen geführt wird, die alles bezahlen. Aber das ist Neuland, war bislang nie nötig und entsprechend ungewohnt.

Die vier Bewerber*innen im Vorfeld der Wahl am Donnerstag zu öffentlichen Aussagen über Strategien und Vorstellungen zu bewegen, war auch 2024 kein Spaziergang. Es brauchte Überzeugungsarbeit. "Aus Respekt vor dem Verfahren" tauchte plötzlich wieder auf. Da haben nochmal kurz die alten Gewohnheiten angeklopft, aber am Ende weiß das Quartett auch um die Bedeutung dieser Wahl. 

Man möchte fast sagen, die Wahl in Köln elektrisiert die Medienpolitik angesichts des ungewissen Ausgangs. Schade nur, dass man sich kein Beispiel am ZDF genommen hat, dessen im Livestream übertragene Fernsehratssitzung zur Wahl von Intendant Norbert Himmler im Sommer 2021 zum unerwarteten Wahlkrimi wurde, der letztlich aber - dank aller Beteiligten - ein Lehrstück für Diskurs und Transparenz im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wurde. 

Nach alter Denke ist eine Rundfunkratssitzung öffentlich genug, wenn man sie vor Ort verfolgen kann. Genau das wird DWDL am Donnerstag natürlich tun und aktuell berichten von Wahl der neuen WDR-Führung.

Korrektur: Eine erste Version des Artikels enthielt die Aussage, dass Tom Buhrow 2013 ohne Gegenkandidaten in die Wahl zur WDR-Intendanz gegangen ist. Das ist falsch und wurde unmittelbar nach Erscheinen des Artikels korrigiert. Richtig ist: Bei der Wahl 2013 traten neben ihm auch Jan Metzger sowie Stefan Kürten an. Wir bitten um Entschuldigung.