Die Zweidrittel-Hürde war hoch, am Ende zu hoch für Sandra Harzer-Kux. Am Freitagnachmittag erhielt die ehemalige Chefin der Kommunikationsagentur Territory bei der Wahl zur NDR-Intendantin zwar eine Mehrheit, doch die reichte eben nicht. Vier Stimmen fehlten ihr, was zur Folge hat, dass der Amtsinhaber Joachim Knuth vermutlich nicht ganz so früh wird in den Ruhestand gehen können wie ursprünglich von ihm erhofft.
Harzer-Kux' Kandidatur war zweifelsohne ein Risiko – vor allem für den Verwaltungsrat, der die 52-Jährige vorschlug, obwohl oder vielleicht auch gerade weil sie wenig ARD-Stallgeruch mitbrachte. "Mit ihrem unverstellten, aber gleichzeitig wertebasierten Blick von außen kann sie dem NDR und dem öffentlich-rechtliche Rundfunk neue Impulse geben, Chancen entdecken und neu denken", lautete die zuvor formulierte Hoffnung, die jedoch letztlich nicht bei ausreichend vielen Mitgliedern des Rundfunkrats, der über die Personalie zu entscheiden hatte, verfing.
In eine Krise dürfte der NDR durch Harzer-Kux verlorene Wahl kaum stürzen. Doch vielleicht ist die Niederlage eine gute Gelegenheit, um perspektivisch darüber nachzudenken, ob der Weg, wie über das höchste Amt im Sender entschieden wird, der richtige ist. Dass letztlich nur eine Kandidatin zur Wahl stand, ist dem Verwaltungsrat zwar nicht vorzuwerfen, weil dies nach dem Willen der Politik im NDR-Staatsvertrag exakt so vorgesehen ist. Gleichwohl ist es dem Gremium nicht gelungen, ausreichend Transparenz im Auswahlverfahren herzustellen. Auf diese Weise wurde die Chance verpasst, der Öffentlichkeit zu erklären, warum genau sich die erfahrene Managerin nach Auffassung des Verwaltungsrats eigentlich am besten dafür eignete, den mit jährlich mehr als 350.000 Euro dotierten Spitzenjob auszuüben. Dazu kommt, dass selbst die Mitglieder des Rundfunkrats kaum Zeit hatten, Sandra Harzer-Kux kennenzulernen und so das nötige Vertrauen aufzubauen.
Dabei ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk andernorts schon deutlich weiter. So sei an die Intendanten-Wahl im ZDF erinnert, bei der die ARD-Journalistin Tina Hassel ihrem als Favoriten gesetzten Konkurrenten Norbert Himmler dank guter Argumente einige Stunden des Zitterns bescherte. Oder an den WDR, wo sich die Verwaltungsdirektorin Katrin Vernau gegen ihre gesichtsbekannten Herausforderer durchsetzte, weil eine Mehrheit der Gremienmitglieder nach Jahrzehnten, in denen Journalisten das Haus führten, offenbar der Meinung war, dass dem Sender in diesen Zeiten mehr Managementerfahrung gut täte.
Beim NDR ist man von solchen Richtungsentscheidungen noch ein gutes Stück entfernt. Die Suche nach Joachim Knuths Nachfolge geht nun in die nächste Runde – und einiges spricht nach diesem Nachmittag dafür, dass die nächste Person an der Spitze mehr öffentlich-rechtliche Vergangenheit mitbringen wird als Sandra Harzer-Kux, die sich bei ihrer Vorstellung eigentlich gut präsentiert hatte. Ungeachtet dessen wäre der NDR für die Zukunft aber gut beraten, mehr Transparenz zu schaffen. Eine Wahl mit nur einer Kandidatin fühlt sich eben nur bedingt nach echter Wahl an. Das zu ändern, ist allerdings Aufgabe der Politik.
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