Es ist schon eine ziemliche Herausforderung, bei den vielen Funk-Formaten den Überblick zu behalten. Das junge Netzwerk von ARD und ZDF startet immer wieder Sendungen, die einige Zeit später schon wieder eingestellt werden. Ein Format, das sich in den zurückliegenden zwei Jahren etabliert hat, ist "Tru Doku". Das von der noch recht jungen Produktionsfirma Drive Beta produzierte Format beleuchtet jede Woche das Leben verschiedener Menschen - und mit fast 200.000 Abonnenten ist der Youtube-Kanal heute sehr erfolgreich. Auf Instagram kommt man auf rund 90.000 Follower.
Anders als klassische Dokumentationen ist eine Besonderheit von "Tru Doku" sicherlich die Länge. Mit im Schnitt rund 15 Minuten sind die Filme zugeschnitten auf das Youtube-Publikum, bei Instagram gibt’s noch kürzere Häppchen. Ein anderer USP ist die Tatsache, dass die "Tru Doku"-Filme ausschließlich über O-Töne der Protagonistinnen und Protagonisten funktioniert, es keine Off-Stimme oder eine Person, die moderiert.

ALS und Brustkrebs statt Sex mit Gummipuppen
Und geht man in der Video-Historie zurück, lässt sich die Veränderung auch gut beobachten: Die ersten Filme von "Tru Doku" beschäftigten sich noch mit Pornodarstellern, Gummipuppen-Sex, einem jungen Schlagersänger oder einem Youtuber. Solche Videos findet man heute auf dem Kanal nicht mehr. Stattdessen geht es um Probleme, an denen die Userinnen und User anknüpfen können, erzählt Harwardt. In den Dokus beschäftigt man sich mit Ängsten, Unfällen, Problemen oder Druck-Situationen. Da steht dann ein junger Mann im Fokus der Doku, der in der Öffentlichkeit nicht pinkeln kann. In anderen Dokus werden Themen wie Brustkrebs, Behinderungen, ALS, Narkolepsie oder auch Schuldgefühle nach einem schweren Verkehrsunfall und Mobbing wegen Armut angesprochen.
Viele der Videos kommen auf mehrere 100.000 Aufrufe. Wie schaffen die Macherinnen und Macher das? "Bei uns klicken die harten Themen besser. Die Leute mögen eine gewisse Dramatik. Wenn es um Leben und Tod geht, sind unsere Userinnen und User dabei", sagt Catherine Harwardt. "Die Herausforderung ist, Themen zu finden, in denen es nicht um Leben und Tod geht und diese dann trotzdem interessant zu erzählen. Wir brauchen immer gut erzählte Geschichten." Man setze auf persönliche und emotionale Geschichten, die eine große Fallhöhe hätten, so die Content-Chefin von Drive Beta. Außerdem gebe man gewissen Menschen eine Plattform, weil man glaube, "dass nicht alle die gleiche Sichtbarkeit haben". Will heißen: Es wird überdurchschnittlich oft die Geschichte von People of Color oder von Menschen erzählt, die nicht der heteronormativen Identität entsprechen. Auch Menschen mit körperlichen oder psychischen Behinderungen werden in der Reihe immer wieder porträtiert.
"Die Herausforderung ist, Themen zu finden, in denen es nicht um Leben und Tod geht und diese dann trotzdem interessant zu erzählen."
Catherine Harwardt, Head of Content bei Drive Beta
Die "Tru Doku"-Filme sind meist zeitlos, denn die Produktion einer Doku dauert zwischen sechs und acht Wochen. "Wenn wir Themen haben, die ein wenig Aktualität mitbringen, merkt man, dass das für uns ein wenig schwierig ist. Wir können nicht schnell genug sein um schnell zu sein. Und wenn wir halb schnell sind, lohnt sich das oft auch nicht", sagt Catherine Harwardt. Jüngst beschäftigte man sich etwa mit der Flut-Katastrophe in Deutschland. Da war die Flut aber schon rund einen Monat vorbei. Entsprechend ging es in dem Video um den Neuanfang einer jungen Frau. Es war eins der am schlechtesten geklickten Videos überhaupt.
Ein Format macht eine Firma

Jakobsen sagt, der positive Ausblick in allen Dokus sei ein wichtiger Aspekt von "Tru Doku". "Die besten Filme sind die, in der Menschen durch eine Krise gegangen sind und gestärkt daraus hervorgehen." Die Macherinnen und Macher nennen das "Empowerment". Dass man sich mittlerweile auf eine Zielgruppe eingeschossen hat, erklärt der Drive-Beta-Chef auch mit dem Youtube-Algorithmus. "Youtube als Plattform belohnt es, wenn man immer wieder die gleichen Zielgruppen anspricht. Strategisch macht es also wenig Sinn, einen Kanal zu betreiben, mit dem man immer wieder ganz unterschiedliche Personen ansprechen will", so Jakobsen. Rund ein halbes Jahr habe man nach dem Start im Oktober 2019 nach der richtigen Ausrichtung des Formats gesucht, sagen Jakobsen und Harwardt im Gespräch mit DWDL.de.
Und auch wenn man es bislang geschafft hat, fast zwei Jahre lang jede Woche lang ein Video zu produzieren, ist die Zukunft ein Stück weit ungewiss - wie bei so vielen anderen Funk-Formaten. 2019 stellt das junge Netzwerk von ARD und ZDF ja auch einige bekannte und erfolgreiche Kanäle ein. Inzwischen befindet sich "Tru Doku" jedoch im "erweiterten Netzwerk" von Funk. Darin rutschen solche Projekte, die über einen längeren Zeitraum erfolgreich sind. Dadurch ist "Tru Doku" nun primär beim ZDF in der Abteilung Reportage angedockt. Daher ist erst einmal nicht davon auszugehen, dass das Format in naher Zukunft eingestellt wird. Dennoch gilt der aktuelle Vertrag nur bis Ende des Jahres. "Natürlich treibt uns das um. Wir wollen einerseits die Geschichten weitererzählen und andererseits ist das Projekt auch wichtig für unser Unternehmen", sagt Hannes Jakobsen, der sich gleichzeitig zuversichtlich zeigt, wenn es um eine mögliche Fortsetzung geht.
"Alle vorgegebenen Ziele erreicht"

Auch deshalb können die Macherinnen und Macher wohl entspannt in die nächste Vertragsverhandlung gehen. Denn wenn die Öffentlich-Rechtlichen stolz sind, eine bestimmte Zielgruppe zu erreichen, sind es die jungen Menschen - und hier vor allem die Frauen. Bleibt die Frage, ob "Tru Doku" auch langfristig bei so harten Themen bleibt - oder ob sich nicht doch mal wieder ein Schlagersänger in die Filme schummeln könnte. "Die Geschichte steht im Mittelpunkt. Wenn wir einen Promi haben, der eine gute Geschichte mitbringt, machen wir auch gerne einen Film mit ihm oder ihr. Aber es reicht nicht, nur ein Promi zu sein", sagt Catherine Harwardt.