Die in diesem Fall ein furchtbares Männerbild jener Epoche zeichnet. Wer damals kein Vergewaltiger oder Despot war, hat zumindest seine Homosexualität auf Kosten anderer unterdrückt oder war ein unverlässlicher Hallodri. Waren die wirklich alle so?
Hess: Jede der männlichen Figuren hat ja ihre große Not, die das Handeln erklärt. Zum Beispiel hat Freddy einen mehr als nachvollziehbaren Grund, warum er als unverlässlicher Hallodri agiert. Ich verurteile keine Männer, ich betrachte sie genauso kritisch und liebevoll wie die Frauenfiguren. Diese agieren im Übrigen, bis auf Monika, auch schon mal skrupellos. Ich versuche, menschliche Figuren zu schreiben – mit ihren Stärken und ihren Abgründen.
Hempel: Wir zeigen Männer wie Frauen jener Zeit adäquat, gefangen in Konventionen und ihrem großen Schweigen. Über die wichtigsten Dinge wurde damals – und noch viel später – auch in meiner Familie nicht gesprochen. Das Beziehungsgespräch, das wir heute so pflegen, war dieser Generation fremd. Wir zeigen die Frauen in ihren Glücksmomenten, ihrem Aufbegehren, aber eben auch – ganz klar – in einem bestimmten Machtgefüge.
Hess: Frauen waren damals zu 95 Prozent abhängig von Männern, vor allem natürlich finanziell. Und wer unehelich schwanger wurde, musste auf die Gnade hoffen, geheiratet zu werden, sonst war man sozial unten durch. Meine Eltern haben das auch nur meinetwegen getan.
Hempel: Ich kenne das auch aus meiner Familie. Aber ebenso schlimm wie die Traumata von ehelicher Gewalt bis Zwangsabtreibung war das eben schon erwähnte Schweigen. Wenn wir mit "Ku‘damm 59" erneut dazu beitragen, Töchter und Mütter, unterschiedliche Generationen in einen Dialog über diese Zeit und ihre Traumata zu bringen, haben wir eine private und gesellschaftliche Debatte angestoßen, und das ist das Beste, was uns als öffentlich-rechtlicher Sender passieren kann.
Mütter und Töchter klingt, als sei "Ku’damm 59", was man "frauenaffinen Stoff" nennt…
Hempel: Ich mag das Wort nicht. "Ku‘damm 59" ist eine serielle Erzählung mit Frauen im Mittelpunkt. Schon der Ort einer Tanzschule verweist ja darauf, dass es zur Hälfte auch um Männer geht.
Hess: Und mein Mann liebt es.
Hempel: Ebenso wenig gibt es übrigens männeraffine Stoffe, wenn Männer darin im Mittelpunkt stehen. Es geht hier nicht um frauenaffin oder männeraffin, es geht darum, wie wir im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auch davon erzählen können, wie Gleichberechtigung gelingen kann. Und dazu ist es immer erhellend zu schauen, wie sich Rollenbilder wandeln.
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Bringt es da einen anderen Geschlechterumgang mit sich, wenn Frauen an den Schaltstellen solcher Produktionen sitzen, hier etwa in Gestalt von Ihnen beiden als Autorin und Programmverantwortliche?
Hess: Eindeutig ja.
Hempel: Als öffentlich-rechtlicher Auftraggeber ist es unsere Aufgabe, kreative Teams nicht nur gut zu mischen, sondern Frauen hinter der Kamera in Schlüsselpositionen zu bringen. Bei "Ku’damm" ist Annette Hess nicht nur Ideengeberin und Autorin, sondern das kreative Zentrum dieser seriellen Erzählung. Als Creative-Producerin war sie diejenige, die in allen Stadien der Produktion ihre Vision hütet, umsetzt und auf Augenhöhe mit Regisseur Sven Bohse arbeitet.
Wobei ihre Formate seit jeher starke Frauen im männlich dominierten Umfeld porträtieren. Sind die Charaktere von der "Holzbaronin" über "Die Frau vom Checkpoint Charly" bis hin zu "Weissensee" Projektionen unserer Wünsche oder reale Abbilder?
Hess: Unterschiedlich. "Die Holzbaronin" war eine eher märchenhafte Erzählung, die teilweise in derselben Zeit spielt wie "Ku’damm", dessen Figuren dagegen durchweg nach realen Vorbildern gestaltet sind. Monika war zum Beispiel eine Bekannte meiner Mutter, mit der sie keinen Umgang haben durfte, weil sie – damals ein schwerer Vorwurf – Romane gelesen und sich die Haare abgeschnitten hat. Anregungen für die Männerfiguren habe ich bei den Jugendfreunden meines Vaters gefunden. Die Familie Kupfer in "Weissensee" orientierte sich wiederrum an der von Erich Mielkes Stellvertreter Wolfgang Schwanke, über den ich einmal eine Doku gesehen hatte. Letztlich haben aber auch alle Figuren mit mir selbst zu tun. Die Gefühle, die sie durchleben, die muss ich beim Schreiben abrufen oder herstellen können. Sonst bleiben die Charaktere Papier.
"Nach der Zeit, in der unsere Eltern jung waren, können wir uns nun gerne vortasten in jene Zeit, in der wir es selbst waren."
Heike Hempel
Gibt es noch eine Epoche, deren emanzipatorischen Kern Sie gern über eine starke Frauenfigur erzählen würden?
Hess: Ich denke da zwar nicht chronologisch, weil mich vor allem ein Grundkonflikt in einer Zeit faszinieren muss. Aber mich würden die frühen Achtziger interessieren, die Zeit meiner Pubertät, also erzählt aus der Perspektive eines Punks, der ich damals war.
Hempel: Finde ich gut, die Idee. Nach der Zeit, in der unsere Eltern jung waren, können wir uns nun gerne vortasten in jene Zeit, in der wir es selbst waren. Das Ganze sehr gern mit Annette Hess, schon weil ich viel davon halte, kreative Konstellationen fortzuführen.
Könnte man theoretisch auch Ku’damm bis in diese Zeit fortsetzen – "Ku’damm 81"?
Hess: Wenn wir den großartigen Cast behalten wollen, dann können wir keine allzu gewaltigen Zeitsprünge machen. Das heißt, wir würden dann "Ku‘damm 63" erzählen. Aber warten wir erst mal die Quoten ab.
Frau Hess, Frau Hempel, vielen Dank für das Gespräch.
Das ZDF zeigt "Ku'damm 59" am Sonntag, Montag und Mittwoch jeweils um 20:15 Uhr. Ab Sonntag stehen zudem alle Teile in der ZDF-Mediathek zum Abruf bereit. Dort findet sich derzeit auch "Ku'damm 56".