Frau Hess, Frau Hempel, waren die Charaktere von Ku’damm 59 bereits ausgereift, bevor der Skandal um Harvey Weinstein die #MeToo-Debatte ausgelöst hat?

Annette Hess: Wenn Sie auf den Filmregisseur Kurt Moser abzielen – den gab es schon, bevor der Skandal um Harvey Weinstein begonnen hat, seit ungefähr zweieinhalb Jahren.

Heike Hempel: In der Zeichnung dieses sexuell übergriffigen Charakters war Annette Hess ihrer Zeit also definitiv voraus. Die Fälle Weinstein oder Wedel sind ja Symbole für ein größeres Problem. Es geht ja hier bekanntermaßen nicht um Sexualität, sondern das Gegenteil davon, um Gewalt, Missbrauch…

Hess: Also um Macht.

Hempel: Ja – geschlossene Systeme. Die Rollenbilder, die zugrunde liegen, haben viel zu tun mit den 50er Jahren. Dieser uns heute so fremd erscheinenden Kultur, aus der wir doch alle hervor gegangen sind. Hier finden sich durchaus einige Antworten auf Fragen, die wir uns alle innerhalb der MeToo-Debatte stellen. Als Sonja Gerhardt im 1. Teil nach der Vergewaltigung zu Claudia Michelsen sagt, sie fühle sich so dreckig, antwortet die eigene Mutter: "Dann nimm´ doch ein Bad – obwohl erst Mittwoch ist." "Ku´damm56" hat erzählt, wie es sich angefühlt haben mag in diesen Jahren, jung und weiblich zu sein. "Ku´damm 59" erzählt drei Jahre später, wie es für diese Frauen ist, erwachsen zu werden und die Verantwortung für ihre eigenen Entscheidungen zu übernehmen.

Hat die Produktion trotzdem inhaltlich auf die #MeToo-Debatte reagiert?

Hempel: Nein, Annette Hess hatte die Figur des Regisseurs, gespielt von Ulrich Noethen, schon entwickelt. Unsere Filme waren zu diesem Zeitpunkt schon fast fertig.

Hess: Und da fühlte es sich erst einmal absurd an, wie unsere Fiktion plötzlich mit dem übereinstimmte, was morgens in der Zeitung stand. Aber wir Kreativen müssen ja auch Seismographen dessen sein, was gesellschaftlich vor sich geht, welche Themen hochkommen könnten. Zwischen einer ersten Idee und der Ausstrahlung eines Stoffes liegen meist drei und mehr Jahre. Manchmal klappt es da nicht mit dem Gespür und man hat einen Film, der nicht in die Zeit passt. In dem Fall hatte ich in Biografien über Schauspielerinnen wie Sonja Ziemann und Romy Schneider gelesen, wie es ihnen am Set ergangen war. Zumindest zwischen den Zeilen konnte man da etliche Übergriffigkeiten herauslesen. Dass unser Kurt Moser jetzt so in die aktuelle Debatte passt, ist aber leider kein Zufall sondern zeigt, dass sich das System der Unterdrückung in der Branche in den letzten 60 Jahren nicht wesentlich verändert hat.

"Ich finde es skandalös, wie weit entfernt wir in 2018 von der Emanzipation noch sind."
Annette Hess

Sagt uns "Ku’damm 56 bis 59" so gesehen auch etwas über "Ku’damm 2016 bis 2018" oder ist es nur ein zeitkritisches Stück Historienfernsehen?

Hempel: Hätte zeitgeschichtliches Fernsehen nichts mit der Gegenwart zu tun, dann würde es doch niemanden interessieren.

Hess: Mit "Ku‘damm 59" thematisieren wir – auf unterhaltsame Weise in einem historischen Gewand – die Unterdrückung der Frau. Das macht es dem Zuschauer zunächst leichter, sich auf die Schicksale einzulassen – um dann festzustellen, dass sie nur scheinbar vergangen sind. Für mich ist Emanzipation in den letzten Jahren ein großes Anliegen geworden – was ich nie gedacht hätte, als ich vor 30 Jahren Abitur gemacht habe. Damals dachte ich, wir haben die Gleichberechtigung. Das war ein Trugschluss, denn heute findet im Gegenteil eine Regression statt. Man muss sich nur die Zusammensetzung des Bundestages ansehen, die Ungleichheit der Löhne, die Tatsache, dass immer noch nur 20 Prozent der Autoren und Regisseure weiblich sind. Von 35 Tatorten wurden im Vorjahr fünf von Frauen gemacht. Ich finde es skandalös, wie weit entfernt wir in 2018 von der Emanzipation noch sind. Ich denke da auch an einige Reaktionen zur Ausstrahlung von "Ku’damm 56". In sozialen Medien hieß es zum Beispiel: "So, jetzt schick ich erstmal meine Frau Bier holen, haha." Ich glaube, der Geschlechterkampf wird nie vorbei sein.

Hempel: Unser Ausgangspunkt war von Anfang an, in dieser seriellen Erzählung die weibliche Perspektive einzunehmen und die weiblichen Themen der Zeit zu erzählen – und zwar auf Augenhöhe mit den Figuren, überraschend und spannend. Wenn wir in diesem Sinne modern erzählen, dann haben wir die Chance, mit einer solchen Serie unterschiedliche Generationen anzusprechen: Meine 16-jährige Tochter, die die 50er Jahre so exotisch findet wie das Amazonas-Gebiet, die Generation meiner Mutter, die diese Zeit erlebt hat und meine Generation.

Ku'damm 59© ZDF/Tobias Schult

Hat das im Jahr 2018 eine andere Wucht als vor zwei Jahren, als noch keine Partei im Bundestag saß, die sich genau diese Verhältnisse zurückwünscht?

Hess: Auch das war häufig eine Reaktion in den Netzwerken: Ihr zeigt genau, was die AfD will. Umso mehr erhoffen wir uns eine Diskussion über Rollenbilder und Werte, welche davon schützenswert sind und welche reaktionär. Dennoch erzähle ich zunächst Geschichten, indem ich nicht didaktisch, gar erzieherisch vorgehe. Schicksale und Figuren müssen mich ganz persönlich berühren. Und ich muss eine Lust haben, davon zu erzählen, sonst könnte ich auch nicht die Produktion oder eben Heike Hempel davon überzeugen. Natürlich entscheiden wir Fernsehmacher vieles rational oder müssen Kompromisse machen, aber wir alle sind nur gut, wenn wir vor allem unseren Leidenschaften folgen.

Es geht Ihnen also nicht darum, das Publikum von etwas zu überzeugen?

Hess: Als Autorin habe ich das Publikum immer im Blick. Ich empfände es als persönliches Desaster, jemanden zu langweilen, habe aber keine Mission, Menschen zu verbessern. Ich wünsche mir allerdings, dass durch den Film ein Gespräch entsteht, neue Perspektiven aufgehen, Menschen ihren Horizont öffnen. Und das mit guter Unterhaltung.