Klaas, war die letzte Sendung „Late Night Berlin“ auch die Beerdigung eines ganzen Genres?
Also ich maße mir nicht an, ein Genre, das ich nicht erfunden habe und nicht mal in Deutschland zuhause ist, generell zu beerdigen. Aber ich für meinen Teil habe feststellen müssen, dass das klassische Late-Night-Genre für mich persönlich den Zenit hinter sich hat. Und das sage ich als jemand, der das immer machen wollte. Diese Intuition hatte ich eigentlich schon ein bisschen früher, aber ich habe es halt auch so geliebt und schaue gerne drauf zurück, weil mir das richtig, richtig, richtig Spaß gemacht hat. Ich wollte mir das lange nicht eingestehen, weil ich es einfach zu gerne gemacht habe.
Da schwingt auch Enttäuschung mit...
So ist es halt. Das löst keine Frustration aus, aber ist so eine Erkenntnis, die man einfach haben muss. Late Night als Format hat sich überdauert. Um aus dem Buch von Angela Merkel zu zitieren, und die muss es wissen: Wenn ein Pferd totgeritten ist, muss man absteigen. Was nicht heißt, dass man nicht auch weiterhin eine unterhaltsame Show am späten Abend haben kann, aber das muss nicht mehr in dieses doch sehr festgezurrte Genre mit seinen Gesetzmäßigkeiten gepresst sein.
Am 22. April startet gleich das neue Format. Ist das die von Henrik Pabst gelobte Kraft eines „kreativen Power House“ Florida?
Gut, dass ich das richtig stellen kann. Dieses kreative Power House besteht einzig und allein aus meinem Kollegen, der intern nur Power Schmitt genannt wird. Sein mittlerweile dritter kreativer Frühling strahlt auf die ganze Firma ab. Wer wären wir schon ohne ihn? Nur eine kleine Bude. Gut, dass es Power Schmitt gibt! Bitte den Namen merken und künftig in Bildunterschriften verwenden.
Und "Experte für alles" wird ein Verbrauchermagazin?
So viele Jahre habe ich Fernsehen für mich gemacht, eine Personalityshow. Alles folgte mir und ich habe diese Egozentrik ja durchaus ausgespielt, die mir netterweise von meinem geliebten Publikum gestattet wurde. Aber es ist an der Zeit etwas zurückzugeben. Es ist Zeit für die seriöseste Sendung, die ich jemals gemacht habe in meiner Dings… Karriere. Meine persönliche Befriedigung stelle ich hinten an und mache Fernsehen für die Menschen: „Experte für alles“, das erste Verbrauchermagazin für mich und für ProSieben. Und ich verspreche: ProSieben hat noch nie so schlau gemacht, auch mich nicht.
Angekündigt am 1. April, aber demnach kein Scherz?
Nein, wir starten am 22. April und sind angelegt auf 100 Jahre. Man könnte mir vorwerfen, dass ich die Notsituation von ProSieben ein bisschen ausgenutzt habe, aber sie haben sich darauf eingelassen. Also 100 Jahre und danach bin ich zusammen mit den Zuschauerinnen und Zuschauern Experte für alles. Der Typ, der die letzten 20 Jahre damit verbracht hat, Joko mit dem Kettcar zu überfahren, macht jetzt die erste ProSieben-Sendung, von der man danach denkt: Die hat mir jetzt ja was gebracht. Das wird den Sender völlig neu ordnen: Wir werden die seriöseste Sendung auf ProSieben - mit großem Abstand.
Bescheidenheit ist eine Zier, weiter kommt man ohne ihr. Ich versuche die Nachfrage: Um was soll es gehen in „Experte für alles“?
Ich werde selber am Anfang der Sendung nicht wissen, was passiert, damit ich einigermaßen neutral reingehe und auch vorher nicht die Redaktion verteufeln kann, weil ich auf irgendwas keinen Bock habe. Der Einsatz von Prominenten wird neu gedacht, weil wir keine Prominenten mehr zulassen, die uns nichts bringen. Sie sind als Experten oder Reporter für uns unterwegs. Nina Chuba wird beispielsweise in einer der ersten Sendungen eine davon sein, weil sie ja auch nicht weiß wie lange das noch mit der Musik gut geht. Könnte wackelig sein, deshalb hat sie sich in Rücksprache mit ihrem persönlichen Umfeld entschieden, ein zweites Standbein aufzubauen. Da möchte ich sie gerne bei „Experte für alles“ unter meine schützenden Flügel nehmen und ihr diesen Traum ermöglichen. Auch habe ich rauskriegen können, dass Giovanni Zarrella dabei sein wird, Percy hat sich angekündigt, Elyas M’Barek wird einer unserer Experten sein und Palina Rojinski hat sogar eine komplett eigene Rubrik. Welche weiß ich nicht, aber werde ich noch rausfinden.
Also eher ein Verbrauchermagazin in unterhaltsam, in Richtung „Wie bitte“?
Satire interessiert mich nicht und mich interessiert auch nicht diese Verballhornung von Erkenntnisgewinn, sondern am Ende wollen wir ja wirklich was rausfinden. Und unsere Anwältin hat gesagt, nur weil etwas sehr, sehr unterhaltsam ist, heißt es nicht, dass man sich vor Gericht nicht auf das journalistische Grundinteresse beziehen kann. Das ist jetzt eher eine juristische Auseinandersetzung, mit der wir ein bisschen Ärger hatten im Vorfeld. Aber es hat zur Folge, dass ich also hier sagen kann: Nur weil etwas sehr lustig ist, heißt das nicht, dass man nicht trotzdem was lernen kann.
"Man hat bei ProSieben festgestellt, dass das Zuschauerinteresse vor 23 Uhr doch ein bisschen höher ist als danach."
„Mario Barth deckt auf“ in seriös?
Von solchen Ulk-Sendungen möchte ich mich distanzieren und auch von so billiger Effekthascherei. Ich fahre jetzt nicht zum Flughafen BER, stell mich staunend davor und sage, wo hier was schiefgelaufen ist. Wir haben auch keine Toilette, in der Steuergeld runtergespült wird. Mit solchem Quatsch will ich nichts zu tun haben. Dafür bin ich auch ein bisschen zu alt. Deswegen senden wir jetzt auch nicht mehr nachts um 12. Man hat bei ProSieben festgestellt, dass das Zuschauerinteresse vor 23 Uhr doch ein bisschen höher ist als danach.
Es klingt auf jeden Fall nach einer weniger tages- oder wochenaktuellen Sendung? Damit das Shelf Life des Formats im Joyn-Regal auch ein bisschen länger ausfällt?
Ja, absolut. Tatsächlich in der Konzeption gar nicht so akut drüber nachgedacht. Aber das war und ist das große Problem von LateNight. Das ist schon Tage danach nicht mehr aktuell. Und nicht mal bei der Ausstrahlung, weil ich die aktuelle Kommentierung inzwischen auf schnelleren, dynamischeren Kanälen bekomme. Am Ende eines Tages kann man dann eigentlich nur noch die Gags zusammenfegen, die den Tag über schon alle gemacht wurden.
Und ausgerechnet das Element, für das man eigentlich Late-Nights eingeschaltet hat, bekomme ich über Social Media inzwischen schneller…
…und ohne dass da jemand die Rechte klärt. Wenn wir in der Sendung einen Ausschnitt aus einem Fußballspiel oder was anderes Aktuelles zeigen wollen, dann müssen wir uns schon echt was einfallen lassen, um da nicht erstmal viel für die Rechte zahlen zu müssen. Das funktioniert im Internet anders. Da wird alles einfach genommen. Da bist du natürlich an ganz andere Regeln gebunden, wenn du das Spiel so spielst, wie es die Gesetze vorgeben, was manchmal ein bisschen langweiliger wird. Den Zusehenden ist es aber natürlich egal. Die sehen nur, dass sie es bei TikTok oder Instagram schneller bekommen. Deswegen sehen wir ja die erfolgreichsten Late-Night-Formate inzwischen auch meist mit einem thematischem Fokus, wie es z.B. Jan Böhmermann macht. Das hat dann nochmal eine ganz andere Relevanz - aber auch mit der ursprünglichen Late Night wenig zu tun.
Und dann spielen Podcasts heute eine ganz andere Rolle, haben auch mehr Platz für Anarchie. „Baywatch Berlin“ ist gestartet als Beiboot von „Late Night Berlin“, zuletzt wirkte es umgekehrt…
Na gut, das ist eine Entwicklung, die sich auf die grundsätzliche Reichweitenentwicklung des Fernsehens zurückführen lässt. Das ist ja nicht jetzt explizit der durchschlagende Erfolg eines einzelnen Podcasts, sondern die veränderte Mediennutzung. „Baywatch Berlin“ ist anders als eine Late-Night-Show natürlich viel freier, weil es gerade bei so einem Laber-Podcast keine Regeln gibt. Das sind unterschiedliche Darreichungsformen. Eine Fernsehshow kann dann natürlich wieder Dinge, die du nie in einem Podcast machen kannst. Wir konnten unsere Gedanken über die Formate weiterdenken. Das tat mir nur immer leid für die, die uns als dynamische Fernsehshow kannten und dann bei „Baywatch Berlin“ schon sehr sehr viel Geduld mitbringen mussten.
"Die Kollegen von 'Stern TV' können sich schon mal als gefickt betrachten."
Was wird denn nach „Late Night Berlin“ aus Jakob Lundt?
Ach, Jakob hat zu tun. Es ist jetzt auch nicht so, dass Jakob immer irre scharf darauf war, unbedingt im Fernsehen stattzufinden. So ähnlich wie alle unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die aber billigend in Kauf nehmen, wenn es dann mal sein muss. So wird es vermutlich in Zukunft auch sein. Aber so genau kann ich es nicht sagen, weil ich tatsächlich - und das ist der Dreh dieser Show - nicht genau weiß, was passieren wird.
Okay.
Das ist in der Vergangenheit auch schon passiert, aber da lag es eher an mangelnder Vorbereitung. Jetzt ist es Teil der Idee! Das ist von der Redaktion gewollt, weil ich das Heft des Überstimmens aus der Hand gebe und meine schlechte Laune dann im Zweifel erst bekomme, wenn die Kamera läuft.
Und in den Programmzeitschriften sollte nun welche Genre-Bezeichnung für das neue Format stehen?
Na, Verbrauchermagazin. Worüber reden wir denn die ganze Zeit? Die Kollegen von „Stern TV“ können sich schon mal als gefickt betrachten.
Was uns immerhin zum Mittwochabend bringt: Aus „Joko & Klaas gegen ProSieben“ wird auf dem neuen Sendeplatz jetzt „Schlag den Raab“?
Wir waren bei ProSieben ja lange unter König Lustig die Kronprinzen und mit der Rolle sehr happy. Ich glaube wirklich - ganz frei von Wettbewerbsgedanken und seinem Senderwechsel - dass es ohne Stefan Raab Joko & Klaas nie in der Form gegeben hätte, in der wir seit Jahren Fernsehen machen. Wir wurden in seinem Windschatten groß und das hat uns eine Zeit lang wirklich gut getan. Und als er dann weg war, hat man gemerkt, dass es gar nicht so leicht ist, die Lücke zu füllen, die er da hinterlassen hat. Da habe ich großen Respekt vor. Jetzt gegen ihn anzutreten, sehe ich - wahrscheinlich so wie er auch - sportlich. Es ist halt schade, dass man die beiden Sendungen nicht gleichzeitig gucken kann. Und am Ende tut es mir auch für Stefan leid, weil wir natürlich die bessere Sendung haben.
„Joko & Klaas gegen ProSieben“ ist doch eigentlich nicht mehr on brand. Müsste es nicht „Joko & Klaas gegen Joyn“ heißen?
Wir suchen ja im Zuschauerumfeld aktuell eher Leute, die für Joyn sind, und haben damit alle Hände voll zu tun.
Böse.
Wir sind große Fans von Joyn, dem noch schlafenden Riesen unter den Streamingdiensten. Ihr werdet euch noch umschauen, wenn der erstmal erwacht und seine Muskeln spielen lässt.
Aus der Show ist vergangenes Jahr ein ganzer ProSieben-Tag hervorgegangen, der sehr erfolgreich war. So etwas weckt doch sicher Begehrlichkeiten - oder ist da jetzt vornehme Zurückhaltung angesagt?
Also für Zurückhaltung sind wir eigentlich nicht bekannt. Ich glaube aber, dass man das nicht einfach nochmal wiederholen sollte. Da braucht es Neues. Und dafür haben wir ja unsere Geheimwaffe: Power Schmitt.
Kurz noch zu „Ein sehr gutes Quiz (mit hoher Gewinnsumme)“: Wie fällt das Fazit aus nach den ersten beiden Shows?
Hat super Bock gemacht. Das Rausgehen mit der Produktion, an die unterschiedlichsten Orte - das hat mich an alte MTV-Zeiten und Campus Invasion erinnert. Und ich glaube, dass nicht nur wir da großen Spaß haben, sondern auch die Menschen, die da zugucken. Das Quiz macht wahnsinnig viel Spaß, weil ich die Regeln und die Dynamik toll finde. Und durch die unterschiedlichen Orte herrscht jedes Mal eine komplett andere Stimmung. Bei der letzten Sendung haben Joko und ich am Anfang nur ganz schön lang rumgefaselt. Ich glaub, da könnten wir beim nächsten Mal etwas schneller loslegen. Aber wir haben auch diesen 280 Meter langen Steg einfach total unterschätzt.
Gibt es sonst Erkenntnisse?
Dass es auf einem Steg in der Ostsee arschkalt werden kann. Für uns alle zusammen, die da standen. Da hat Power Schmitt nicht dran gedacht. Peinlich.
Dann drücke ich die Daumen, dass es diesen Samstag wärmer wird…
Ja, also… nein, wird es nicht.
Klaas, herzlichen Dank für das Gespräch.