Herr Reichert, Sie sind vor über 20 Jahren zum Sport1-Vorgänger DSF gekommen. Was hat Sie damals gereizt dort anzufangen? 

Diese Mischung aus Sport und Medien hat mich immer fasziniert. Mein erstes Medienpraktikum habe ich bei der damals noch ganz neuen Online-Plattform Sport1.de gemacht. Das war 2001 in München und hat das Feuer geweckt. Auch während meines Hauptstudiums hat mich die Branche gereizt, bis ich 2004 die Möglichkeit hatte, den nächsten Schritt zu gehen – so bin ich zum DSF gekommen, mit vielen spannenden Wendungen, die bis heute folgten. 

Aktuell sieht man bei Sport1 erstaunlich wenig Sport, dafür umso mehr Entertainment-Formate wie "My Style Rocks", "Masterchef" oder "Power of Love", was natürlich vor allem an den türkischen Eigentümern von Acunmedya liegt. 

Ich möchte das gerne ein wenig einordnen. Noch vor einem halben Jahr haben wir 15 von 24 Stunden unseres Programms mit Teleshopping und Erotik gefüllt. Dass wir jetzt von morgens 7 Uhr bis nachts um 4 Uhr echtes Programm mit Sport und vielen neuen Eigenproduktionen zeigen, stellt also eine deutliche Aufwertung des Programms dar. Zusammen mit den neuen Eigentümern verfolgen wir somit eine Zwei-Säulen-Strategie: Einerseits unsere digitalen Sport-Kanäle im Digitalbereich mit Sport1.de und der Sport1-App, die rein auf Sport-News und -Videos setzen. Andererseits der Bewegtbild-Bereich mit Fokus auf Entertainment & Sport – mit unserem Free-TV-Sender und unserer neuen digitalen Entertainment-Plattform show1.tv – den wir in Zukunft noch deutlich breiter aufstellen wollen, um jüngere und weiblichere Zielgruppen anzusprechen als bisher. 

Die Quoten sind allerdings oft überschaubar.

Es ist uns bewusst, dass vor uns ein Marathon liegt und kein Sprint. Wenn Sie das Programm derart umkrempeln wie wir das in den vergangenen Monaten getan haben, dann erzielen Sie nicht auf Anhieb große Reichweiten. Wir haben ja gewissermaßen bei Null angefangen. Da muss sich also auch beim Publikum erst eine Gewohnheitseffekt einstellen. Dennoch können wir schon jetzt klare Einschaltimpulse erkennen, wenn etwa "My Style Rocks" beginnt. Hier sprechen wir inzwischen Menschen an, die uns bislang überhaupt nicht eingeschaltet haben. In den sozialen Netzwerken ist um das Format sogar ein regelrechter Hype entstanden. Das zeigt mir, dass uns auf dem richtigen Weg befinden.

Können Sie mit diesen Formaten eigentlich schon Geld verdienen?

Aktuell ist es ein Investment-Case. Aber wir investierten gezielt in originären, frischen Content, um mittelfristig einen Return zu erzielen. Das ist natürlich ein mutiger Schritt. Gegenüber dem Live-Sport haben diese Formate aber den Vorteil, dass wir Möglichkeiten der Wiederholbarkeit schaffen können, um damit mehrere Sendeplätze zu bespielen. Das hilft der Refinanzierbarkeit. 

Online haben Sie gerade die Plattform Show1.tv gestartet, der ja auch noch eine App nachfolgen soll. Was ist das Ziel und welchen Fahrplan verfolgen Sie damit?

Mit dem neuen werbefinanzierten Angebot wollen wir unser On-Demand-Angebot und den Livestream zur Verfügung stellen und die Menschen, die aktuell etwa "Masterchef", "Power of Love" oder "My Style Rocks" auf YouTube schauen, in unser eigenes Ökosystem holen, um die Reichweite und damit auch die Monetarisierungsmöglichkeiten aufzubauen. Die begleitende TV-App wollen wir in den kommenden Wochen starten.

 

"Wenn wir Formate wie 'My Style Rocks' machen, dann schreit das natürlich nach einem anderen Namen."

 

Was sagen überhaupt die Werbekunden zu den Veränderungen? Immerhin haben Sie bislang bei Sport1 eine eindeutig männliche Zielgruppe angesprochen.

Wir haben den wichtigen Media-Networks jüngst unsere Strategie vorgestellt und sind auf offene Ohren gestoßen. Der Markt gibt uns Vorschusslorbeeren und unterstützt uns auf unserem Weg der Transformation. Dem müssen wir natürlich auch gerecht werden, indem wir Zug um Zug unsere Reichweite ausbauen und damit neue Wachstumsperspektiven schaffen. Gleichzeitig machen wir aber auch in Zukunft Programm für unsere Männerzielgruppe. Dafür haben wir jüngst die Bundesliga-Rechte am Sonntagvormittag verlängert und zeigen auch weiterhin das ganze Jahr über die Top-Darts-Events der PDC sowie auch die Fußball- und Volleyball-Bundesligen der Frauen. 

Wie sehr leidet Sport1 aktuell unter der anhaltenden Werbekrise? 

Wir sind Teil des Media-Meeres – und so wie sich das Meer bewegt, bewegen auch wir uns. Aber ich will es von der positiven Seite sehen: Wir haben die Chance, unser digitales Inventar auszubauen und parallel dazu im Linearen ganz neue Möglichkeiten der Integration von Placements, als das früher der Fall war. 

Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass Sport1 zum Jahresende noch so heißt?

Sport1 ist eine starke Marke, die sehr gut im Markt platziert ist. Wir sind also gut beraten, mit dieser Marke behutsam umzugehen. Bei Sportumfeldern werden wir auch weiterhin unter der Marke Sport1 aktiv sein. Klar ist aber auch: Wenn wir Formate wie "My Style Rocks" machen, dann schreit das natürlich nach einem anderen Namen – und nicht umsonst heißt unsere neue digitale Entertainment-Plattform Show1.tv. Ich vergleiche das gerne mit der "ran" bei den Kollegen von ProSiebenSat.1. Dort ist es letztlich egal, auf welchem Sender der Gruppe der Live-Sport zu sehen ist – er läuft immer unter der Marke "ran". Mit Blick auf uns ist es sicher sinnvoll, die Marke Sport1 auch weiterhin beim "Doppelpass", Fußball oder Darts zu verwenden. Bei anderen Programminhalten stellen wir uns die Frage, ob der Name noch passt. Die Frage wollen wir zeitnah beantworten.

Auch die Zukunft von Sport1.de und der dazugehörigen App ist weiter offen. Wie ist der aktuelle Zwischenstand? 

Wir prüfen gerade, welche Optionen für uns in der perspektivischen Ausrichtung von Sport1.de die beste ist. Grundsätzlich bin ich ein Freund von Kooperationen und glaube, dass es sinnvoll ist, auch in diesem Fall hierüber verstärkt nachzudenken. Aber wie eingangs erwähnt liegen gerade alle Optionen auf dem Tisch.

Das erste Quartal liegt bereits hinter uns. Wo wollen Sie mit Sport1 bis zum Jahresende hin? 

2025 ist für uns das Jahr, um Aufmerksamkeit zu generieren, und spätestens in der zweiten Jahreshälfte wollen wir noch einmal spürbare Impulse setzen. Mein Wunsch ist es daher, dass wir bis Ende 2025 unter Beweis gestellt haben, mit unserem neuen strategischen Ansatz neue Zielgruppen auf dem Big Screen zu gewinnen, sodass wir anschließend die ersten spürbaren Marktanteilseffekte sehen können. 2026 wird für Sport1 das entscheidende Jahr.

Mit Blick auf die Beteiligungen hat Sport1 zuletzt bereits ein ordentliches Portfolio aufgebaut. Wie soll es hier weitergehen? 

Wir haben und vor zwei Jahren entschieden, ein eigenes Investment-Programm aufzusetzen: Seitdem haben wir bereits über zehn Beteiligungen erworben und stehen kurz vor Abschluss der nächsten Beteiligung. So viel sei an dieser Stelle bereits verraten: Es geht um innovative KI-gestützte Fan-Engagement-Modelle für die Sportindustrie. 

Herr Reichert, vielen Dank für das Gespräch.