Herr Schneider, Prime Video ist ja immer noch da. Vor zwei Wochen geisterten Schlagzeilen durchs Netz, Ihrem Angebot drohe die Abschaltung…

(lacht) Das war ein großes Missverständnis: Strittig vor Gericht ist ein kleines Feature bei Prime Video, das von von einem minimal großen Anteil unserer Kunden genutzt wird. In erster Instanz wurde da unserem Kontrahenten Recht gegeben, jetzt prüfen wir nächste Schritte. Wir können dieses Feature allerdings jederzeit einfach deaktivieren. Es ging zu keinem Zeitpunkt darum, Prime Video abzuschalten. Das wurde falsch kolportiert.

Blicken wir nach vorne: Was beschäftigt Prime Video in diesem Jahr? 

Innovationen in Programm und Produkt und das zu einem Zeitpunkt mit echtem Momentum für Prime Video. 2024, unser Jubiläumsjahr, war das beste in zehn Jahren Prime Video in Deutschland mit einem internationalen Erfolg wie „Maxton Hall“ - und wir sind auch bereits gut ins Jahr 2025 gestartet, hatten bei der Berlinale allen Grund zu feiern. Und wie ich dort auch bei meiner Rede angemerkt habe: Wenn man bedenkt wie wir als kleiner Zaungast als Lovefilm in Deutschland angefangen haben und jetzt Prime Video die Party schmeißt, dann sind wir stolz auf das Erreichte. Das ist nur im Teamwork möglich. Stark auch was Philip Pratt mit Amazon MGM Studios in Deutschland aufgebaut und transformiert hat von High Concept zu breiterem Mainstream wie auch Sebastian Fitzeks „Der Heimweg“. Neben den Programmen arbeiten wir customer obsessed auch weiter am Produkt.

Zwischenfrage: Wenn Sie von echtem Momentum und erfolgreichstem Jahr sprechen, können Sie das konkretisieren?

Das Momentum schlägt sich nieder in den KPIs, die wir betrachten. Ob das die Aktiv-Rate ist, die Zahl der Kundinnen und Kunden, die bei uns auf dem Service verbrachten Stunden. Das entwickelt sich alles in die richtige Richtung. Aktuell kann ich da nicht mehr sagen, aber ich bin sicher, dass wir in naher Zukunft transparenter über Reichweiten sprechen können.

Sie sprachen von Customer Obsession, die bei Amazon gerne betont wird. Eine Sammelklage der Verbraucherzentrale Sachsen bewertet die Einführung von Werbung im Standard-Tarif von Prime allerdings weniger kundenfreundlich… 

Wir haben unsere Kunden über diese Änderungen frühzeitig und in Übereinstimmung mit geltendem Recht informiert. Das war sehr transparent. Unser Angebot in Zeiten von Preissteigerungen ist die Refinanzierung über Werbung, um den Einstiegspreis günstig zu halten. Und das trotz immer mehr Inhalt, wenn Sie an die Wimbledon-Übertragung denken. Kunden mit länger laufenden Verträgen haben wir angeboten, sofort auszusteigen und ihren bereits gezahlten Jahresbeitrag anteilig zurück zu bekommen. Aus unserer Sicht haben wir alle Schritte dieser Umstellung offen, fair und rechtlich einwandfrei kommuniziert. Das ist unsere Position, die wir verteidigen werden. Den Rest müssen dann die Gerichte entscheiden.

Kehren wir zum Konkreten zurück. Sie arbeiten neben dem Programm, auch am Produkt, sagten Sie. Was ist damit gemeint?

Prime Video bietet alles in einer App: Zentral ist der großen SVoD-Bereich mit all unseren Originals und Exclusives, alles inkludiert in einer Prime-Mitgliedschaft, wir haben zudem den umfangreichen TVoD-Bereich mit Filmen und Serien zum Kauf, einen großen AVoD-Bereich mit Titeln wie „7 vs. Wild“, dann den Bereich der Prime Video Channels, wo wir viele Partner wie u.a. DAZN oder Paramount bei uns auf der Plattform begrüßen und wir haben lineares TV, inklusive aller öffentlich-rechtlichen Sender. Aber vielleicht ist das schon wieder so viel, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Die Speisekarte ist so groß, dass die Entscheidung vielleicht schwer fällt. Und deswegen machen wir ab dem 17. April einen Serviervorschlag.

Wie sieht der aus?

Wir starten am 17. April unseren eigenen Sender, er wird im Live-Bereich von Prime Video zu finden sein, Prime heißen und rund um die Uhr kuratierte Highlights aus unserem Angebot zeigen. Wir bieten damit Lean Back Entertainment, mehr Orientierung und einen schnelleren Einstieg in die große Vielfalt, die wir zu bieten haben. Zudem ein neues Schaufenster in unseren großen Katalog, den wir nur bedingt auf der Store Front darstellen können. Die Hälfte der Deutschen nutzt Streamingdienste, die andere Hälfte aber noch nicht. Die sind mit dem Medium TV vertraut und das reicht ihnen, sagen sie zumindest. Und ich sage mal provokativ: Wenn die nicht zu uns kommen, kommt Prime jetzt zu ihnen - in Form eines ihnen vertrauten, linearen Programms, das am 17. April um 20.15 Uhr mit einer Doppelfolge der neuen „LOL“-Staffel startet. Unser Live-Sport - von Champions League bis Wimbledon - wird natürlich auch dort zu sehen sein.

Der Sender ist Teil von Prime, also kostenpflichtig? Aber mit Werbung?

Richtig, er wird in einer Prime-Mitgliedschaft enthalten sein. Und ja, es gibt Werbeunterbrechungen aber relativ überschaubar im Vergleich zu den Werbepausen im Free TV. Wir wollen es unseren bestehenden Kunden einfach leichter machen, mehr von uns zu entdecken und sich zurückgelehnt vielleicht auch überraschen zu lassen von dem, was wir programmieren. Und wem eine gezeigte Folge auf dem Sender gefällt, der kann gerne in der App OnDemand weiterschauen, wenn schon weitere Folgen verfügbar sind, etwa bei Library-Programmen. Vielleicht hilft es, wenn man weiß: Wir haben eine hohe Zahl an Nutzern, die über Prime Video Live-TV der Öffentlich-Rechtlichen bei uns gucken und wer in diesem Bereich unserer App zappt, bekommt dann künftig auch einen Sender mit unseren Inhalten.

Wäre für die Vermarktung eines klassischen TV-Programms nicht die Reichweiten-Messung nach AGF-Standard ein erstrebenswertes Ziel?

Wir arbeiten ja bereits mit der AGF an mehreren Modellen einer fairen Reichweitenmessung unseres Angebots zusammen. Wir werden sehen, wie sich das weiter entwickelt. Es ist schon auch in unserem Interesse, die Reichweite unseres Angebots darzustellen, nicht zuletzt sind ja auch unsere Werbekunden daran interessiert. Mit der Champions League haben wir bei Prime Video zum Teil deutlich über 4,5 Millionen Haushalte erreicht, wenn man das auf einzelne Zuschauer hochrechnet, bekommt man einen Eindruck.

 

"Streaming 2025 ist nicht mehr Streaming 2015"

 

Was mich zu der Frage bringt: Haben Sie sich für die Bundesliga nicht interessiert oder war es zu teuer?

Wir sind im Sport sehr gut aufgestellt mit Wimbledon, Champions League und jetzt noch neu Basketball der NBA. Wir haben nicht die Ambitionen ein Sportsender zu werden, aber mit dem Anspruch, reichweitenstärkster Streamingdienst in Deutschland zu sein, gehört natürlich Sport dazu, wie übrigens auch Unscripted Programming, denn Streaming 2025 ist nicht mehr Streaming 2015. Wir haben uns sehr über den Erfolg von „The 50“ gefreut, auch „7 vs. Wild“ ist klasse gelaufen. Wir haben „Licht aus“ und „Dinner Club“ probiert. Unsere Eigenproduktionen orientieren sich heute erfolgreich stärker an einem Mainstream-Publikum. Das heißt nicht, dass wir auch edgy sein können, aber wir sind mit Prime Video in der breiten Masse angekommen. Da müssen und wollen wir allen etwas bieten - mit einer Balance aus allen Genres und Erzählformen.

Gutes Stichwort. In einer neuen Partnerschaft mit ProSiebenSat.1 haben Sie den neuen „Stromberg“-Film beauftragt, dessen Dreharbeiten gerade gestartet sind. Und ein Comeback der Krimiserie „Der letzte Bulle“. Wie kam es dazu?

Einerseits sind wir Wettbewerber, aber schon länger in einigen Themen Partner. Da ist man ständig in Gesprächen, so wie wir auch mit RTL Deutschland, dem ZDF und der ARD immer mal wieder über mögliche Zusammenarbeit sprechen. Gerade in Zeiten von knappen Budgets, könnte man gemeinsam ein Programm vielleicht noch größer machen, weil man unterschiedliche Zielgruppen bedient und dieser Mehrwert größer ist als die lange befürchtete Kannibalisierung. In den Gesprächen mit ProSiebenSat.1 ging es dann darum ein geeignetes Projekt zu finden und dabei kamen wir auf die Kultserie „Der letzte Bulle“, bei deren neuer Staffel wir uns jetzt die Produktionskosten teilen.

Ist Exklusivität im Streaming nicht mehr das Maß der Dinge?

Exklusivität ist aus Kundensicht per se kein Mehrwert. Wenn ich in einer Kneipe hervorragendes Bier bekomme, schmeckt es ja nicht plötzlich anders nur weil andere Kneipen das gleiche Bier ausschenken. Der Genuss wird ja nicht geschmälert.

Aber Sie haben, wie der Ankündigung zu entnehmen war, mit Prime Video nur vier Wochen Vorsprung vor der TV-Ausstrahlung?

Wir werden es sehen, sammeln jetzt erst einmal mit vereinten Kräften Erfahrungen. Es ist ja auch eine Frage der Kostenteilung. Ich glaube es heute nicht mehr ratsam über 6 oder 12 Monate Hold Back zu sprechen, weil dann alle Partner wieder von Neuem für das Programm trommeln müssen. Wenn sich das jetzt bewährt, kann ich mir noch weitaus disruptivere Ideen für neue Windowing-Strategien vorstellen. Wir sind offen für den Austausch mit allen.

Sie sprachen eben die non-fiktionalen, also Unscripted-Programme an, mit denen Prime Video sich so etwas wie Sender-Gesichter aufgebaut hat.

Und darüber freuen wir uns sehr, weil es von gegenseitigem Vorteil ist. Wir konnten viele Talents bei uns begrüßen und haben mit einigen dann ja auch über „LOL“ hinaus eigene Projekte realisiert. Das hilft uns. Gleichzeitig bin ich mir sicher, dass „LOL“ auch einigen Talents zu mehr Bekanntheit oder Bekanntheit in ganz neuen Zielgruppen geholfen hat. Mich macht es schon stolz, wenn ich plötzlich lese wie Menschen mit „bekannt aus ‚LOL’“ in Artikeln vorgestellt werden.

Eines dieser Talents ist Teddy Teclebrhan. Seine „Teddy Teclebrhan Show“ hat vergangenes Jahr einige Nominierungen und Preise eingeheimst. Geht die weiter?

Ich sage so viel: Wir lieben Teddy, wir wissen beide was wir aneinander haben und wir suchen mit Teddy immer nach Formaten und Ideen, die beiden Seiten Spaß machen.

Sie sprachen eingangs über den großen Erfolg von „Maxton Hall“. Was lernt man daraus, was lässt sich daraus ableiten?

Wenn man eine gute IP nimmt, diese hervorragend produziert, dann kann man sogar mehr Menschen erreichen, als man anfangs gedacht hätte. „Maxton Hall“ war ursprünglich klar als Young Adult-Programm gedacht, hat aber weit mehr Menschen auch außerhalb dieser Zielgruppe begeistert. Natürlich hätten wir gerne noch mehr „Maxton Halls“ und zum Glück haben wir ähnliche Formate wie „Culpa Tuya“ aus Spanien oder „Der Sommer als ich schön wurde“ aus den USA – aber so ein Erfolg lässt sich auch nicht einfach so replizieren. Ich weiß, dass sich da die Konkurrenz viele Gedanken macht. Wir haben das Original und freuen uns auf die zweite Staffel in diesem Jahr.

Und was kommt neben der zweiten Staffel "Maxton Hall" in diesem Jahr? 

Am Wochenende ist gerade erst die neue Staffel von „Reacher“ mit neuen Rekordzahlen gestartet, „Culpa Tuya – Deine Schuld“ aus Spanien und die britische Adaption zum Vorgänger „Culpa Mía –  Meine Schuld: London “ laufen auch gut. Unsere neue Dokumentation „Thomas Müller - Einer wie Keiner“ startet am 4. März wird sicherlich nicht nur bei Bayern-Fans gut ankommen und wir freuen uns in den nächsten Wochen auf „Mission Unknown: Atlantik“ mit Knossi, zu Ostern auf die neue Staffel „LOL“. Bereits eine Woche vorher schlüpft Viola Davis im Actionthriller „G20“ in die Rolle der US-Präsidentin und Nicole Kidman kommt mit dem Thriller „Holland“.

Und was kommt noch aus dem deutschsprachigen Raum?

Da experimentieren wir weiter: Mit Julien Bam und Joon Kim haben wir die Escape-Room-Comedy-Show „The Way Out“ produziert. Noch dieses Frühjahr kommt aus Österreich die Serie „Drunter & Drüber“ mit Nicholas Ofczarek und Julia Jentsch und unter dem Arbeitstitel „Dinner for Five“ das Serien-Prequel zu „Dinner for One“, wie „Maxton Hall“ auch von der UFA Fiction. Über „Der letzte Bulle“ und „Stromberg“ sprachen wir schon. Über letzteren Film freuen wir uns dann 2026, ebenso wie auf „Der Medicus 2“, der nach dem Kino zu uns kommt. Auf der Berlinale haben wir den Dreh einer Zeitreise-Geschichte mit den Elevator Boys angekündigt sowie einen neuen Film mit Bastian Pastewka: „Die Brautentführung“ – auch ein Arbeitstitel.

Herr Schneider, herzlichen Dank für das Gespräch.