Herr Schwochow, Sie haben zum ersten Mal in Australien gedreht. Wie hat der Drehort Ihre Arbeit beeinflusst?
Vor der Arbeit an "Last Seen" war ich noch nie in Australien. Viel weiter kann man ja von zu Hause nicht weg sein. Aber für diese Serie hätte es keine bessere Verortung geben können. Es geht um ein verschwundenes Kind und die Frage, ob es möglich ist, dass dieses Kind noch lebt. In Australien und seiner unendlichen Weite und dünnen Besiedlung ist es tatsächlich viel wahrscheinlicher als in Europa, dass jemand verschwindet und woanders weiterlebt, ohne dass man es mitbekommt. Für mich war Australien eine große visuelle Metapher für einen Ort voller Geheimnisse und verborgener Schuld. Du kannst da wirklich tagelang unterwegs sein, ohne einem anderen Menschen zu begegnen.
Sie klingen regelrecht begeistert.
Ja. Ich kann nur empfehlen, mal nach Australien zu reisen. Diese Weite ist unfassbar. Erst stehst du an einem gigantischen Strand, dann fährst du ins Landesinnere und bist plötzlich mitten in einem Urwald mit 500 Jahre alten Baumriesen. Die unheimlichen Distanzen zwischen Menschen führen auch dazu, dass dort ganz spezielle Charaktere leben. Mir sind noch nie so viele Einsiedler und Aussteiger begegnet wie dort.
Wie kam es überhaupt zu dieser Konstellation: Britische Produktion mit deutschem Regisseur dreht die erste Apple-TV-Serie in Australien?
Ich kannte Jay Hunt und Joe Oppenheimer von Apple schon länger. Sie hatten damals "Bad Banks" gesehen und gesagt, das sei eine Serie, die sie gern bei sich auf der Plattform gehabt hätten. Seitdem waren wir immer wieder im Austausch. Anfang 2024 haben sie mir drei, vier verschiedene Themen vorgestellt, die gerade in Entwicklung waren. Da erwähnte Jay die Geschichte eines Mannes, dessen Tochter vor elf Jahren entführt wurde. Eines Tages bekommt er einen Anruf von einem jungen Mädchen und ist sich sicher, dass das sein Kind ist. Das hat mich sofort gepackt. Erst recht, als ich dann das Pilotbuch von Kris Mrksa gelesen habe, weil es zwar die Spannung eines Thrillers hatte, aber auch so eine schöne unaufgeregte Langsamkeit – fast wie ein amerikanischer Indie-Film. Da stand schon fest, dass es in Australien spielen sollte.
© VicScreen/Lachlan Moore
Regisseur Christian Schwochow am Set in Melbourne mit dem Minister für Kreativwirtschaft von Victoria (v.l.)
Außer Apple und Australien – was hat Sie an diesem Projekt besonders gereizt?
Auch Hakan Kousetta und Jamie Laurenson, die Produzenten von 60Forty Films, kannte ich schon, weil wir schon mal ein anderes gemeinsames Projekt hatten, aus dem dann leider nichts wurde. Die beiden haben großartige Serien wie "Top of the Lake", "Slow Horses" oder "Hijack" gemacht und sind bekannt dafür, sehr inhaltlich zu arbeiten. Für mich war besonders, dass sie keinen Showrunner wollten und dass ich alle sechs Folgen inszenieren konnte. Das ist natürlich ein weitgehendes Commitment und hat mir viel künstlerische Autonomie gegeben. Da wir noch ein Jahr Zeit bis Drehbeginn hatten, konnte ich intensiv an der Gestaltung der Bücher mitwirken, jede Rolle casten, jedes Motiv mit aussuchen. Von internationalen Projekten kenne ich es sonst oft so, dass sehr viele Parameter bereits feststehen, wenn man angefragt wird.
Laut VicScreen, der Filmförderung im australischen Bundesstaat Victoria, wurden im Zuge der Dreharbeiten in der Region umgerechnet rund 30 Millionen Euro investiert. Klingt nach einem Projekt, bei dem Sie aus dem Vollen schöpfen konnten.
© Apple TV
"Profis auf Hollywood-Niveau": Patrick Brammall in "Last Seen"
Welche Erfahrungen haben Sie mit den australischen Kreativen gemacht?
Man muss wirklich sagen, dass Australien und speziell Victoria gerade die Welt einladen, dort zu drehen. Ich würde schätzen, dass mindestens fünf große internationale Produktionen pro Jahr ins Land kommen. Man ist Dreharbeiten gegenüber aufgeschlossen, und es gibt in sämtlichen Gewerken eine ganze Reihe herausragender Profis. Ich nehme als Beispiel unsere fantastische Kamerafrau Bonnie Elliott, die absolut auf Hollywood-Niveau arbeitet. Wir hatten eine solche Auswahl an Schauspielenden bei den Castings, dass es eine wahre Freude war. Aus Deutschland habe ich nur meine künstlerische Assistentin Maja Bresink und meine Series Producerin Katharina Haase mitgebracht, aus London kam noch Kelsey Richards, Script Producerin von 60Forty Films – außer uns vieren war es eine rein australische Crew. Nach ein bis zwei Wochen hat es sich nicht nur professionell angefühlt, sondern auch wie eine große Familie.
Als Zuschauer empfindet man bei "Last Seen" eine starke emotionale Spannung, obwohl man grundsätzlich recht früh versteht, wer was getan hat. Mit welchen Mitteln inszenieren Sie einen Thriller, der eher 'Whydunit' als 'Whodunit' ist?
© Apple TV
"Tiefere Schichten ausleuchten": Chloe Jean Lourdes in "Last Seen"
Herr Schwochow, herzlichen Dank für das Gespräch.
"Last Seen" startet am Mittwoch, 9. September bei Apple TV
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