Ein Gastbeitrag von Michael Polle, Geschäftsführer der Polle & Hofmann Pictures GmbH. Er ist Mitglied im Geschäftsführenden Vorstand der Produktionsallianz und Vorsitzender der Sektion Fernsehen.

Zunächst meine herzlichen Glückwünsche an das Team von DWDL für 25 Jahre erfolgreiche Arbeit. Das Jubiläum wäre der perfekte Anlass, eine Rückschau auf die vergangenen Jahrzehnte zu halten und sich sentimental und etwas zu bedeutungsschwanger an die guten, alten Zeiten zu erinnern. Zeitgleich könnte man die unzähligen Herausforderungen und Grabenkämpfe der Gegenwart beklagen, die es ohne Zweifel gibt und für die es dringend Lösungen braucht. 

Vielleicht beginnen wir jedoch damit, dass in dieser Zukunft vielleicht auch Chancen liegen, wenn wir die Stellschrauben dieses sicher größten Wandels der Geschichte gemeinsam richtig einstellen und es schaffen, nicht nur einer der größten Absatzmärkte der Welt zu sein, sondern einer der größten Anbieter. Wenn die Projekte aus Entertainment, Dokumentation und Fiktion es schaffen, die bisherigen Barrieren zu überwinden und einem nationalen, aber auch internationalen, Publikum erfolgreich präsentiert werden.

Klingt verrückt? Vielleicht. Aber lassen sie uns kurz innehalten und überlegen, was es dafür braucht.

Zunächst müssen wir es schaffen, dass wir das Tempo von Wandel und Innovation in unseren Strukturen und vor allem in Projekten mitgehen, anstatt die Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse immer komplexer und langsamer zu machen. Nur wer den Zeitgeist trifft, kann ihn auch abbilden und für ein immer schneller agierendes Publikum zugänglich machen. 

Die Grenzen des Erzählens können durch das veränderte Rezeptionsverhalten und neue Produktionsweisen in Bereiche ausgeweitet werden, die bisher undenkbar erschienen. Lassen sie uns unser Publikum damit überraschen, anstatt sie mit der Wiederholung des immer gleichen, angetrieben allein von Marktforschung, Algorithmus und Distributionsüberlegungen, zu langweilen. Und bevor ein Missverständnis entsteht: all diese Instrumente sind sehr wichtig und unterstützend, nur sind sie nicht die Antwort auf jede Frage, die wir uns aktuell stellen müssen. Wir werden niemals zu Beginn jedes Projektes wissen, was die Zutaten sein müssen, damit es erfolgreich ist. 

Kern aller Projekte sind und bleiben Menschen, die unverwechselbare Geschichten erzählen, die es mit ihrem Handwerk und ihrem Talent schaffen, diese Grenzen auszuweiten. Nur wenn sie die Möglichkeit haben, über Briefings, Slots, Vorbilder und Überlegungen der Marktfähigkeit hinaus Charaktere und Storys zu entwickeln, die mehr als das Zitat vom Zitat sein dürfen, werden wir in einem immer größer werdenden Wettbewerb mit unseren Projekten auffallen. Denn dann zeigen wir unseren Zuschauern etwas, von dem sie vorher gar nicht wussten, dass sie es sehen wollen. 

Der größte Wandel unserer Zeit ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz – viel diskutiert und derzeit Dauerthema. Daher nur kurz: KI kann dazu beitragen, zwei der wesentlichen Barrieren, die den Export unserer Projekte bisher verhindert haben, zu überwinden:

Es scheint möglich, mit deutlich geringerem Finanzeinsatz, einen Production Value zu schaffen, der noch vor wenigen Jahren nicht denkbar war. Dabei ist es wichtig, dass es an diesem Punkt nicht um den Ersatz von kreativer Leistung, sei es von Autoren, Regisseuren oder Darstellern und vielen weiteren, kreativen Mitarbeitern geht – im Gegenteil. Es geht um die Ergänzung und Erweiterung ihrer erzählerischen Mittel.
Neben der Erschaffung von neuen Erzählwelten kann durch den Einsatz von KI in Kombination mit echten Synchrondarstellern auch die Sprachbarriere auf qualitativ hochwertige Art überwunden werden, die heute eine weltweite Verbreitung von Projekten aus Deutschland heraus in Teilen noch behindert. 
Der technologische Wandel und die Veränderung des Nutzungsverhaltens hin zum Streaming verursacht darüber hinaus eine Markttransformation, was harte Realitäten zur Folge hat. Die Zahl der Produktionen wird sinken, da im TV-/Streaming- Bereich durch den Wegfall der klassischen Programmplätze zukünftig weniger Programm benötigt wird. Diese Reduzierung hat zur Folge, dass das Programm in der non-linearen Nutzung für mehr Aufmerksamkeit sorgen muss – jede Kachel muss individuell für Interesse und Spannung beim Zuschauer sorgen. Ein starkes Argument für den oben skizzierten Weg, mehr denn je Eigen und Besonders zu sein. 

Der Wettbewerb, den dieses Programm bestehen muss, ist durch globale Anbieter und Produktionen mehr denn je international zu betrachten, weswegen wir uns umfänglich dafür rüsten müssen. Spätestens hier beginnen die Fragen von Produktion und Finanzierung. Wir brauchen transparente und faire Budget- und Finanzierungsstrukturen, die aus Deutschland heraus Projekte mit internationalem Appeal ermöglichen. Und wenn, wie aktuell, ein Markt davon bestimmt ist, dass wichtige Marktteilnehmer immer weniger Budget zur Verfügung haben, dann sollten wir gemeinsam alte und neue Partnerschaften auf Augenhöhe etablieren, die dafür sorgen, dass alle Beteiligten von Herstellung und Erfolg profitieren. Dies setzt auch voraus, dass notwendige Rechte kritisch hinterfragt werden und das Level Playing Field zwischen allen Parteien grundsätzlich neu definiert wird. 

All das führt unweigerlich zu der Gestaltung von politischen Rahmenbedingungen und, um im Bild zu bleiben, teilweise falsch gestellten Stellschrauben. Wir müssen dafür sorgen, dass die Finanzierungs- und Fördermodelle für Produktionen eine möglichst große und schlagkräftige Anzahl von Projekten ermöglicht, speziell im TV- bzw. Streamingbereich. Deutschland ist das einzige Land, welches hier zukünftig eine Abgrenzung für Streamingproduktionen und Projekten öffentlich-rechtlicher Sender in der Bundesförderung plant. Die Folge davon ist klar: mehr Produktionen, die ins Ausland abwandern, unabhängig von der richtigen Entscheidung des BKM für eine Investitionsverpflichtung. Es sind diese Produktionen, die extrem wichtig sind für den Standort Deutschland und seine vielschichtige Produzentenlandschaft.

Dies ist ein Punkt, bei dem wir als Branche gemeinsam aufstehen sollten, denn es geht darum, dass wir die Zukunft unserer Branche nachhaltig positiv gestalten können und sollten – gemeinsam.