Ein Gastbeitrag von Oliver Berben, Vorstandsvorsitzender der Constantin Film AG. Er ist Mitglied im Gesamtvorstand der Produktionsallianz.

47,5 Millionen verkaufte Kinotickets. 502,2 Millionen Euro Umsatz. Diese Zahlen wurden allein im ersten Halbjahr 2026 erzielt. Die FFA bezeichnet sie als das beste Ergebnis seit der Zeit vor der Corona-Pandemie. Der Ticketverkauf liegt nur noch elf Prozent unter dem Niveau von 2019, während der Umsatz sogar neun Prozent darüber liegt. Noch bemerkenswerter finde ich jedoch Folgendes: 12,2 Millionen Tickets wurden für deutsche Produktionen gelöst, was einem ein Plus von 61 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2025 entspricht. Damit kletterte der Marktanteil deutscher Filme auf 26,5 Prozent - der höchste Wert seit zehn Jahren. Für mich sind das keine trockenen Statistiken, sondern ein Liebesbeweis eines Publikums, das man in den letzten Jahren auch gerne mal abgeschrieben hat.

Und dann ist da noch dieser eine Wochenendstart, der zeigt, wie sehr Menschen ein gutes Kinoerlebnis eigentlich wollen. Es ist zwar kein deutscher Film, jedoch zeigt er, was möglich ist: Unser „Resident Evil” ist mit einem Startwochenende von rund 60 Millionen Dollar allein in den USA in die Geschichte des Franchises eingegangen und hat am ersten Wochenende weltweit rund 108,3 Millionen Dollar eingespielt. Ich sage das nicht, um mit Zahlen anzugeben. Ich sage das, weil es beweist, was passiert, wenn man einem Stoff vertraut, einem Regisseur die Freiheit gibt und trotzdem diszipliniert produziert. 

In dieser Branche reden wir zu oft übers Überleben und zu selten übers Lieben. Dabei zeigen die Zahlen etwas ganz Einfaches: Wenn Filme gut gemacht sind und etwas zu erzählen haben, dann kommen die Menschen. Sie kommen sogar dorthin zurück, wo man es kaum erwarten würde. In Städten mit bis zu 50.000 Einwohnern stiegen die Ticketverkäufe im Halbjahresvergleich um 18 Prozent. Kino ist eben kein urbanes Nischenvergnügen. Es ist gelebte Kultur, überall dort, wo Menschen zusammenkommen wollen.

Ein Film entsteht nicht im luftleeren Raum. Er entsteht im Spannungsfeld zwischen Kunst und Kalkulation, zwischen Vision und Verantwortung. Deshalb verdient jeder Film, der sein Publikum findet, mehr als einen flüchtigen Blick beim Popcornkauf. Er verdient unsere Wertschätzung für das damit verbundene Risiko. Es geht darum, tragfähige Strukturen und die richtigen politischen Rahmenbedingungen zu schaffen, und gleichzeitig Träume zuzulassen und zu fördern. 

Effizienz ist dabei keine kalte Größe. Sie ist ein wichtiger Gradmesser, der Kreativität vor dem Absturz bewahrt. Und darin besteht die eigentliche Kunst unseres Geschäfts.

Trotzdem bleibt leider die Frage, wer in Zukunft überhaupt noch bereit ist, in deutsche und nicht nur in US-amerikanische Geschichten zu investieren. Die Kosten steigen überproportional, die Margen schwinden, Entscheidungen dauern lange und die Förderwege sind kompliziert. Und manche Partner verabschieden sich still und leise aus dem Markt. Für uns Produzenten und Produzentinnen bedeutet das: Wir arbeiten mit Herzblut, aber oft ohne die Verlässlichkeit und Planbarkeit, die es braucht, um mutig zu denken. Es wäre fatal, ausgerechnet jetzt zu zögern, wo das Publikum längst bewiesen hat, wie sehr es den Film liebt.

Was uns fehlt, ist politische Entschlossenheit. Ein Standort wie Deutschland braucht klare Regeln statt ständig neuer Fragezeichen. Die Debatten um eine gesetzliche Investitionsverpflichtung und die immer komplexere Förderarchitektur dauern schon zu lange und kosten Zeit, Nerven und am Ende Arbeitsplätze. Die Investitionsverpflichtung muss nun zügig und ohne weitere Abstriche umgesetzt werden! Eine starke Filmindustrie fällt nicht vom Himmel. Sie ist das Ergebnis gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Weichenstellungen, die Film und Serien als strategisches, wirtschaftliches und kulturelles Gut betrachten - und nicht als Nebensatz im Haushalt. 

Constantin Film versteht sich auch als Teil des kulturellen Gedächtnisses dieses Landes. Filme wie „Das Kanu des Manitu”, „Fack Ju Göhte”, „22 Bahnen” oder „Die Wannseekonferenz” haben gezeigt: Wirtschaftlichkeit und kulturelle Wirkung schließen sich nicht aus. Es sind zwei Seiten derselben Medaille: Menschen nicht nur zu erreichen, sondern sie auch wirklich zu berühren. 

Als Vorstandsvorsitzender trage ich Verantwortung für hunderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, für unsere Partner und für die Talente, die an uns glauben. Wirtschaftliche Stabilität ist deshalb kein technischer Begriff. Sie ist das Versprechen, dass wir mutige Stoffe realisieren, den Nachwuchs fördern und Risiken eingehen können.

Ich glaube fest daran, dass die nächsten großen deutschen Geschichten noch nicht geschrieben sind. Die Zahlen dieses Jahres sind ein Auftrag an unsere Branche, mutiger zu erzählen, und an die Politik, endlich verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Kultur ist dann stark, wenn sie Freiheit bekommt. Und Wirtschaft ist dann klug, wenn sie ihre Potenziale erkennt. Wie fantastisch wäre es, wenn wir den deutschen Marktanteil auf 30 Prozent erhöhen könnten?

Unsere Aufgabe ist es, beides zu ermöglichen: Räume, in denen radikale, liebevolle, verrückte Ideen wachsen können – und Strukturen und Regeln, die diese Räume wirtschaftlich tragen. Wenn uns das gelingt, wird der deutsche Film nicht nur bestehen, sondern er wird wachsen. Er wird wieder überraschen – und noch mehr geliebt werden.