Premiere FirmenzentraleDas Premiere-Desaster um jahrelang überhöhte Abo-Zahlen könnte noch weitreichendere Folgen haben, wenn stimmt, was am Wochenende u.a. der "Focus" vorab berichtet. Demnach habe Premiere mit der Verbuchung von Zigtausenden offenbar gar nicht existierender Kunden schon vor dem Börsengang im März 2005 angefangen. Bei dieser Aussage stützt sich der "Focus" auf einen internen Vertriebsbericht für den Dezember 2004.

Der enthüllt einige Tricks, mit denen die Abo-Zahlen geschönt wurden. So sollen 16.186 bestehende Kunden eine zusätzliche Smartcard fürs Kinderzimmer zugeschickt bekommen haben. Diese Gratis-Kinderabos wurden allerdings als vollwertige Abonnements gezählt. Dem Versandhaus Neckermann lieferte man für Mitarbeiter und Freunde im Dezember 2004 10.500 Abos, die im Vertriebsbericht unter der Rubrik "kapitalvernichtende" Pakete eingeordnet sind. Das kurz vor dem Börsengang stehende Unternehmen änderte hier die Bewertung: Alle abgegebenen Abos gingen sofort in die Statistik ein, ob sie aktiviert wurden oder nicht.

Auch bei den 11.750 Hotelzimmern mit Premiere-Zugang wurden neu bewertetet: Diese wurden den Hoteliers zwar "gemäß Auslastung" nur zu 60 Prozent in Rechnung gestellt, dennoch zählte jedes Zimmer vom Dezember 2004 an als hundertprozentiges Abo. Darüber hinaus verschenkte Premiere dem von "Focus" zitierten Vertriebsbericht zufolge an seine "Sportsbars" Musikpakete für zwölf Monate, was noch einmal 10.000 Abos einbrachte.
 

 
Ebenfalls "kapitalvernichtend" bekam die HypoVereinsbank gleich 15.000 Abo-Pakete von Premiere. Ob auch alle von den Angestellten angenommen wurden, wollte die Bank auf Anfrage des "Focus" nicht kommentieren. Pikantes Detail:  Die HypoVereinsbank war beim drei Monate später erfolgten Börsengang Konsortialführer. Man half somit die Statistik des Unternehmens zu optimieren, das man erfolgreich an die Börse bringen wollte.

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Soweit berichtet "Focus Online" am Samstag vorab aus der neuen Print-Ausgabe über die zweifelhaften Abo-Tricks bei Premiere. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet noch von einem weiteren Abo-Deal, über den auch der gedruckte "Focus"  berichtet; "Focus Online" allerdings nicht. Erst im vergangenen Jahr kooperierte Premiere laut "SZ"-Bericht auch mit der "Focus"-Gruppe. So erschienen Anzeigen für den via Premiere verbreiteten Spartenkanal Focus Gesundheit im Magazin "Focus", der Partner wiederum bot den Lesern im Gegenzug für den Mediawert TV-Abonnements an. Man habe so eine Option auf rund 190.000 Abonnenten gehabt, bestätigte ein "Focus"-Sprecher der "SZ". Diese seien aber bei weitem nicht ausgenutzt worden.
 
Ex-Vorstandschef Georg Kofler bestreitet indes, dass unter seiner Führung falsche Zahlen veröffentlicht wurden, obwohl der vom "Focus" zitierte Vertriebsbericht in die Amtszeit Koflers fällt. "Jeder Euro, den wir ausgewiesen haben, ist auch erwirtschaftet worden", sagte Kofler dem Nachrichtenmagazin. Im Umgang mit Abonnentenzahlen gebe es zwei Strategien: Entweder "viele Kunden mit einem geringen durchschnittlichen Pro-Kopf-Umsatz zu gewinnen" oder "wenige Kunden mit einem hohen Pro-Kopf-Umsatz auszuweisen". Er hätte sich für Ersteres entschieden, so Kofler.